„Unseren Glauben kann uns niemand nehmen", so hörte ich es immer
wieder, wenn ich die syrischen Christen im Tur Abdin in der Südost
Türkei besuchte. Seit fast 2o Jahren habe ich Kontakte zu dieser religiösen
und ethnischen Minderheit, die zu den ältesten Minderheiten in der
heutigen Türkei gehört. Vielleicht ist es sogar die älteste!
Ich habe in den letzten Jahren den Tur Abdin „Berg der Knechte" immer wieder
besucht - das Kloster Mar Gabriel, das in diesem Jahr sein 16oo jähriges
Jubiläum feiert, und auch die Dörfer; ich habe die Christen in
ihren Dörfern besucht, sofern noch christliche Familien dort leben.
Durch diese Besuche sollte deutlich werden, daß wir diese wichtige
Region unseres christlichen Glaubens nicht vergessen haben.
Immer wieder wurde ich hier bei uns nach Informationen über den
Tur Abdin gefragt. Nachdem ich im letzten Jahr eine Ausstellung „Tur Abdin
- Heimat der syrischen Christen" mit Bildern und Texten zusammengestellt
hatte - sie kann übrigens ausgeliehen werden! - entschloß ich
mich nach Rücksprache mit meinen Freunden in der „Solidaritätsgruppe
Tur Abdin", ein Heft über den Tur Abdin herauszugeben.
Es ist ein Heft mit Informationen und Eindrücken, die ich
im Lauf der letzten Jahre bekommen habe. Es ist kein wissenschaftlicher,
sondern ein sehr persönlicher Bericht, der informieren und den Blick
für diese christliche Minderheit schärfen möchte. Es ist
ein Bericht über die „Heimat der syrisch orthodoxen Christen", von
denen die Mehrzahl in der Zwischenzeit bei uns im westlichen Ausland und
in unseren Kirchengemeinden lebt.
Dieses Heft soll denen helfen, die sich um syrische Christen bei uns
kümmern, diese Menschen noch besser zu verstehen. Zugleich wollen
vor allem die Bilder die syrischen Christen an ihre eindrucksvolle
Heimat erinnern, die zu den ältesten Zentren des christlichen
Glaubens zählt. S h l o m o !
Bad Schussenried im Juni 1997
Der Tur Abdin, „Berg der Knechte Gottes", Heimat der syrisch orthodoxen
Christen, an der syrisch irakischen Grenze gelegen im Südosten der
Türkei. Dieses Gebiet gehört zum „Urgestein" der ökumenischen
Bewegung weltweit und ist eines der ältesten Zentren des christlichen
Glaubens. Die Sprache dieser Christen ist ein Dialekt des aramäischen,
der Muttersprache Jesu.
Die Landschaft ist bergig und steinig, der Boden ist trocken und karg,
daher der Name „Berg der Knechte". Dieses Gebiet war einst das Land der
Klöster. In der Blütezeit soll es über 80 Klöster gegeben
haben; heute sind es nur noch wenige, die erhalten und bewohnt sind: u.a.
Kloster Deir Zafaran, Kloster Mar Melki, Kloster Mar Jakub, Kloster
Mar Gabriel. Die Kirchen und Klöster in den Dörfern stammen aus
dem 5. bis 7.Jahrhundert, einige sind sogar älter.
Der Tur Abdin war einst ein rein christliches Gebiet. Ethnisch, kulturell und sprachlich gehören diese Christen zum alten Kulturkreis der Assyrer und der Aramäer. Die syrischen Christen sind eine religiöse und ethnische Minderheit mit einer leidvollen Geschichte. Der traurige Höhepunkt war der Völkermord 1914/1915 an den Armeniern, dem auch zehntausende syrische Christen zum Opfer fielen. Verursacht wurde er von den nationalistisch eingestellten „Jungtürken".
Seit Mitte der siebziger Jahre haben die Menschen-rechtsverletzungen
in dieser Region erheblich zugenommen. Die Christen im Tur Abdin werden
als Minderheit diskriminiert; ihre Menschenrechte werden nicht geachtet;
sie genießen keinen hinreichenden Schutz, um sich religiös,
ethnisch und kulturell entfalten zu können. Eines der dunkelsten Jahre
für den Tur Abdin war 1993. Damals wurden Christen überfallen,
ermordet, entführt und vertrieben.
Mardin, die größte Stadt am Rande des Tur Abdin, politisches Zentrum dieser Region; eine militärstrategisch wichtige Stadt, denn dort befindet sich die „östlichste NATO-Station" mit ihren auf ei-nem Fels gelegenen, großen Radaranlagen. Von dort kann die syri-sche Wüste, der Nordirak und der Westteil des Irans beobachtet werden. Die Türkei ist NATO-Partner; in früheren Jahren hat sie immer wieder gedroht, aus der NATO auszutreten, wenn Politiker auf Menschenrechtsverletzungen hingewiesen haben. Unterschiedli-che Interessen werden hier deutlich: Menschenrechte contra militä-rische Sicherheit und umgekehrt. Und dabei hat die Bundesrepublik Deutschland über viele Jahre jährlich 130 Millionen DM Militärhilfe an die Türkei gegeben. Ein Teufelskreis!
Mardin, die Stadt am Berge - dort befindet sich eine große christli-che Gemeinde, die arabisch spricht. Mardin war lange Zeit Bi-schofssitz. Deshalb befindet sich dort bis heute noch eine alte und wertvolle Bibliothek. Auch die alte Bischofskirche weist auf diese alte Tradition und auf die wichtige Bedeutung von Mardin für die syrischen Christen hin. In dieser Stadt befindet sich auch die Kirche St.Michael. Sie soll im Jahr 196 n.Chr. gegründet worden sein; sie gehört zu den ältesten Kirchen im Tur Abdin. Ganz in der Nähe von Mardin befindet sich das Kloster Deir Zafaran.
Das Kloster Deir Zafaran und die Klosterkirche aus dem 4./5.Jahrhundert nach Christus, nahe Mardin. Es war Zentrum und Sitz des Patriarchen von 1293 - 1932. Die schöne, alte Klosteran-lage hat Überreste, die in die vorchristliche Zeit zurückführen. Im Hintergrund des Klosters: Felsen, in denen sich die ersten christli-chen Wanderprediger des 2.Jahrhunderts in Höhlen aufhielten. Sie waren die ersten, die die christliche Botschaft in dieser Region aus-breiteten. Der Ort führt ganz zu den Anfängen des Christentums.
Gegenwärtig gehen etliche Jungen aus der Umgebung in die „Klosterschule", in der sie Religions- und muttersprachlichen Un-terricht bekommen; vormittags besuchen sie die offizielle türkische Schule in Mardin. Das Kloster lebt vor allem von Spenden. Die re-ge Bautätigkeit der letzten Jahre im Innen- und Außenbereich des Klosters sind sichtbare Hinweise auf das „Da-bleiben" und „Überleben wollen" im Tur Abdin!
Abt Ibrahim ist Patriarchalvikar für das Gebiet von Mardin, das nicht zum Gebiet des Erzbischofs vom Tur Abdin gehört, sondern direkt dem Patriarchen in Damaskus unterstellt ist.
Das Kloster war wegen seiner zentralen Lage in den letzten Jahren immer wieder „Treffpunkt" auch für politische Begegnungen z.B. im Februar 1993, als deutsche Bundestagsabgeordnete und Vertreter der türkischen Regierung sich über den Tur Abdin informierten. Im Mai 1994 trafen sich die türkischen Botschafter Europas und Ver-treter der türkischen Regierung mit Erzbischof Timotheos Samuel Aktas in diesem Kloster, um über die Ereignisse der letzten Jahre im Tur Abdin zu sprechen. Die politischen Kontakte wurden im darauffolgenden Jahr auf höchster Ebene in Ankara fortgesetzt.
Manchmal ist es fast grotesk: Eine religiöse und ethnische Minder-heit, die nach der bisherigen Interpretation des „Lausanner Vertra-ges" 1923 eigentlich nicht existent ist, ist doch existent und wird wahrgenommen, langsam auch von der Türkei. Zuviele Freunde gibt es im Ausland, die die politisch Verantwortlichen immer wieder auf das Schicksal dieser Christen im Tur Abdin hinweisen und pro-testieren, wenn deren Menschenrechte verletzt werden. Eine heil-same Unruhe geht von dort aus und gibt den Christen im Tur Abdin das Gefühl von Solidarität.
Gegenwärtig ist es relativ ruhig im Tur Abdin; sogar so ruhig,
wie schon lange nicht mehr. Hoffentlich trügt diese Ruhe nicht...!
Die vielen deprimierenden Ereignisse und Erfahrungen der letzten Jahre
können nicht einfach vom Tisch gewischt und ungeschehen gemacht werden.
Sie sind leider ein wesentlicher Teil der Wirklich-keit im Tur Abdin.
Ayinvert - ein altes Dorf in der Nähe von Midyat, mit einer Kirche
aus dem 6. Jahrhundert, die einem Bollwerk gleicht. Das Dorf, einst rein
christlich, wurde bis auf wenige Familien von Christen verlassen. Kurden
sind nachgezogen.
Im Dorf traf ich diese alte Frau. Sie hat mich betroffen gemacht. Sehr
schnell merkte ich, daß ich einer „Zeitzeugin" gegenüberstand:
„Hör zu", sagte sie, „sieh’ dir diese Kirche an. Sie war 1915 Zufluchtsort
von Tausenden von Christen, die ihr Leben vor den damaligen Jungtürken
retten konnten. Zehntausende von unseren syrisch orthodoxen Christen sind
damals umgekommen, über eine Million von den armenischen Christen".
Sie hielt inne und schaute uns traurig an und sagte dann noch: „Ich habe
diesen Völkermord miterlebt. Ich war noch ein Kind und weiß
noch, wie die Menschen sich damals in unsere Kirche flüchteten. Ich
kann das nicht vergessen. Die Angst von damals steckt in mir bis heute;
sie steckt in uns allen, die wir Christen sind und im Tur Abdin leben".
Schweigend ging ich in die Kirche und dachte an die Menschen, die damals
hier Zuflucht gefunden hat-ten. Ich faltete die Hände und betete für
sie. Das alte Lied kam mir in den Sinn, das wir in unseren Kir-chen immer
wieder miteinander singen: "Dona nobis pacem" - Herr gib uns Frieden...
Als ich die Kirche wieder verließ, stand die alte Frau im Schatten,
an eine Mauer gelehnt und sagte noch: „Hier, schau auf die Mauer; da kannst
du noch Geschosse entdecken, die damals stecken geblieben sind. Sie wurden
auf unsere Kirche abgefeuert. Wer das Massaker von 1914/15 leugnet, den
schick zu uns in unser Dorf. Da findet er bis heute noch Spuren dieser
ganz dunklen Zeit". Als wir uns verabschiedeten, schüttelte sie mir
ganz fest meine Hand. Sie sagte nichts mehr; sie hatte alles gesagt.
Sie schaute mich nur an. Dann ging ich; sie blieb noch lange stehen und
winkte. Eine unvergeßliche Begegnung für mich!
Es war im September 1995; mit Freunden besuchte ich Killit - ein Dorf
in der Nähe von Mardin. Die Sonne brannte heiß vom
Himmel. Vögel zwitscherten; in der Ferne: Laute eines Autos; auch
Stimmen von Soldaten, die Killit bewachten. Die Straße war nicht
ungefährlich. PKK - Kämpfer sorgten immer wieder für Unruhe;
sie haben sich ins Gebirge zurückgezogen und hal-ten die Menschen
in Atem, die dort noch leben. Es war still ge-worden und Trauer lag über
diesem Dorf. Im September 1992 wurde der Bürgermeister ermordet. Die
PKK hatte ihn erschos-sen, als er nach Hause kam. Circis Yüksel war
eine Autorität im Dorf und ein aufrechter Christ. Er kümmerte
sich um die Belange des Dorfes und war auch Inhaber einer Weinkellerei.
Er gab den Menschen Mut und Zuversicht. Sein Grab liegt gleich neben der
syrisch orthodoxen Kirche. Dort hat er seine letzte Ruhe gefunden. Er verlor
sein Leben viel zu früh.
Killit war einst ein reiches Dorf. Alles war vorhanden, was zum Leben
notwendig war: Wasser und Bäume, Weinfelder und Häuser und vor
allem auch die Menschen, die in diesem Dorf wohnten. Die Gemeinschaft der
Christen war groß; sie stärkten sich gegenseitig. Heute leben
nur noch wenige Familien von ihnen in Killit. Viele sind geflohen und ausgezogen;
die Angst ist gewachsen; der politische Schutz fehlt und deshalb auch der
Friede - innerlich und äußerlich. So lag das Dorf da in der
Mit-tagshitze. Kaum ein Lebenszeichen war vorhanden. Die einst schönen
und großen Häuser fallen langsam zusammen; die Türen sind
verschlossen - Zeichen dafür, daß das Leben aus-gezogen ist.
Menschen haben ihrer Heimat den Rücken ge-kehrt. In einer der Kirchen
ist die Decke herabgebrochen. Der blaue Himmel schaut in die Kirche, in
der einst Gottesdienste gefeiert wurden. Die Lieder sind verstummt, die
Gebete steigen nicht mehr zum Himmel, das Mahl der Versöhnung wird
nicht mehr gefeiert. Menschen versammeln sich nicht mehr, um Kraft aus
der Liturgie zu schöpfen. Es war still geworden. Nur die Vögel
zwitscherten - mal fröhlich, mal traurig.
Das „Vaterunser" - das Gebet, das Jesus seinen Jüngern und Jüngerinnen, seinen Freunden und Freundinnen gelehrt und anvertraut hat. Es verbindet uns Christen weltweit miteinander. Wir dürfen es immer wieder beten und zwar in den unterschiedlichsten Situationen unseres Lebens, wenn wir uns freuen oder wenn wir trauern, wenn wir zuversichtlich oder wenn wir verzweifelt sind, wenn wir Gottesdienst miteinander feiern oder wenn wir mit den Problemen in unserem Alltag fer-tig werden müssen, am Anfang oder am Ende des Tages. Es ist das Gebet, das unser Leben mit seinen vielfältigen Situationen umgibt und zusammenhält.
Es ist das Gebet, das über die Jahrhunderte hinweg Menschen getragen
und getröstet, gestärkt und ermutigt hat. So war es und so wird
es sein! Von diesem Gebet Jesu geht bis auf den heutigen Tag eine gewaltige
Kraft aus, die uns Halt und Hoffnung gibt. Christen in aller Welt sprechen
dieses Gebet in ihrer Sprache - persönlich für sich oder gemeinsam
im Gottesdienst. Auch die syrischen Christen im Tur Abdin trägt dieses
Gebet bis auf den heutigen Tag und gibt ihnen Kraft zum Leben. Sie beten
es in der Muttersprache Jesu, der es in Aramäisch gebetet hatte. Wenn
die syrischen Christen das Vaterunser in ihrer Liturgie beten, rücken
Gegenwart und Vergangenheit zusammen und ebnen einen Weg, der aus dem Heute
in die Zukunft führt.
Vater unser im Himmel
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
8. Idil - „Einzug in Jerusalem"
Idil - ich besuchte diese Stadt zuletzt im September 1995. Ich
spürte sofort, daß es in dieser Stadt knistert. Die Situation
war explosiv. Viele Kurden und viele Anhänger der kurdischen Ar-beiterpartei
(PKK) leben in dieser Stadt, in der heute nur noch wenige christliche Familien
sind. Einst war es eine Hochburg der Christen. Viele haben aufgrund der
gefährlichen Lage ihre Heimat verlassen. 1994 wurde der christliche
Bürgermeister erschossen.
Wir kamen in die Stadt und wurden von der Militärstation an-gehalten.
Die Soldaten waren freundlich; aber ihre Blicke gaben uns zu verstehen:
Was wollt ihr hier? Es wäre besser, wenn ihr nicht kommen würdet.
Aber wir blieben. Die Soldaten telefo-nierten. Einige Minuten später
fuhr ein Auto vor; vier Männer stiegen aus; sie waren
in Zivil, aber bewaffnet. Mir war klar: Der Geheimdienst nahm uns in Empfang.
Wir fuhren zur Kirche der syrischen Christen. Als der Schlüssel zur
Kirche da war und der alte Diakon, umringt von einigen Gemeindegliedern,
uns herzlich begrüßt hatte, führte er uns in seine Kirche
- immer gefolgt von den Herren in Zivil. Auch in die Kirche nahmen sie
ihre Waffen mit, was uns merkwürdig berührte. Wir sangen und
beteten; sie standen daneben und achteten auf alles, was wir sagten und
taten.
Schließlich sagte ich zum Diakon, daß er uns bitte das
alte Evangeliar aus dem letzten Jahrhundert zeigen sollte. Er schlug es
auf und wir betrachteten die bunten Bilder, die die Texte der Evangelien
veranschaulichen. Hinter uns standen die vier vom Geheimdienst mit ihren
Gewehren. Wir blätterten, bis wir jenes Bild im Orginal vor uns hatten,
das den „Einzug Jesu in Jeru-salem" zeigte.
Im Johannes Evangelium Kapitel 12 wird uns u.a.berichtet: Je-sus zog in die Stadt Gottes ein, in Jerusalem. Er ritt auf einem Esel, dem Lasttier und Reittier seit altersher für die Kleinen und Armen. Kinder und Erwachsene begrüßten ihn. Zweige wurden ausgestreut. Palmblätter und Kleider wurden ausgelegt. Kein roter Teppich wurde entrollt, kein Militär zog auf und salu-tierte, keine Musikkapelle spielte, keine Begrüßung durch die politisch Mächtigen - nein, ganz einfach und bescheiden vollzog sich alles, so wie es im Alten Testament angedeutet war. Jesus, der Erwartete, der Heiland und Retter, der Friedenskönig ritt auf einem Esel, die Hand segnend ausgestreckt. Kinder und Er-wachsene waren in Bewegung; sie begrüßten Jesus mit dem Wenigen, was sie hatten. Den, der den Shalom Gottes ankün-digte, begrüßten sie - den, der gewaltlos einzog, begleitet nur von den Kindern, die ihm den Weg bereiteten, mit dem Grün der Schöpfung Gottes. Ein merkwürdiger König, ging mir durch den Kopf! Aber er steht bis heute für Frieden und Ge-rechtigkeit; er bürgt bis heute mit seinem Leben dafür und hatte sein Leben dafür aufs Spiel gesetzt. Er gab den Anstoß zur größten Friedensbewegung, die auch heute noch anhält und die sich auf diesen Mann beruft, der auf einem Esel in die „Stadt des Friedens" einzog.
Und während ich dieses Bild im Evangeliar von Idil betrachtete
und meinen Gedanken nachhing, wurde mir die Anwesenheit der Männer
vom Geheimdienst von neuem bewußt. Und ich dachte bei mir: Welch’
ein Gegensatz! Hier die Zeichen der Macht und der Gewalt, die Waffen und
die Männer mit ihren Absichten und ihren Aufträgen, uns zu bespitzeln,
und dort dieser Jesus, von dem das Bild und der biblische Text erzählen,
und der immer wieder zur Versöhnung und zum Frieden aufge-rufen hatte.
Und ich betrachtete nochmals dieses Bild vom „Einzug in Jeru-salem"
und mein Blick fiel auf die vornehmen Herren, die rechts im Bild zu sehen
sind. Die Kleidung, die Kopfbedeckung, der Stab und die ganze Haltung machen
deutlich: Das sind die Bes-seren, die Frommen und Mächtigen der damaligen
Zeit. Sie ste-hen da, scheinbar stumm und sprachlos, völlig bewegungslos
- ganz im Gegensatz zu den anderen, die Jesus begrüßen. Sie
hal-ten ihre Hände verschränkt, vielleicht zum Gebet gefaltet.
Sie wollen ihre Hände nicht beschmutzen und wollen mit den „Je-sus
- Leuten" nicht in einen Topf geworfen werden. Sie schauen von ferne, fast
teilnahmslos und abwesend.
Aber der Friede und der, der den Frieden ansagt und bringt, der braucht Leute, die ihre Hände nicht in den Schoß legen und sa-gen: „Geht mich nichts an", sondern die sich in Bewegung setzen lassen, die ihre Hände einsetzen und auch schmutzig machen, die sich einmischen und ihren Mund aufmachen, wenn Menschen in Gefahr sind. Und als wir das Evangeliar wieder zumachten, war mir klar: Das ist eine Erwartung an mich und an alle, die sich auf diesen Jesus berufen; das ist eine Erwartung ganz bestimmt auch an die Frommen und Mächtigen, an Kir-chenleute und Politiker, daß sie sich immer wieder an den Auftrag dieses Jesus von Nazareth erinnern lassen, der beschei-den und gewaltlos einzog: Achtet auf die Menschen, die be-droht sind; achtet auf die Menschen, die verängstigt werden; achtet auf die Menschen, die rechtlos sind. Gott hat sie euch allen ans Herz gelegt. Darum: Beten und Handeln ist uns aufgetragen und nicht abseits stehen, wie die vornehmen Herren in unsrem Bild.
Und der Geheimdienst war immer noch da und beobachtete uns. Offen konnten wir nicht reden, weil wir nicht wußten, wie weit sie uns verstehen. Deshalb sangen wir und dies verstanden unsere syrischen Freunde in Idil. Sie sagten uns zum Abschied: „Das hat uns gut getan. Das gibt uns Kraft und Mut. Vergeßt uns nicht und erzählt in euren Gemeinden von uns und was ihr hier erlebt habt". Für sie und für uns, aber sicher auch für die Leute vom Geheimdienst gilt, was der syrische Kirchenvater Ephraim der Syrer im 5. Jahrhundert in einer Fürbitte betete: „Und über den Leib, den deine Hände schufen, o Gott, halte deine Rechte: Umschließe ihn mit der Mauer deiner Barm-herzigkeit wie mit einem Schutzschild".
Hassana, ein Dorf an der irakischen Grenze, mußte im November 1993 auf Anordnung des türkischen Militärs geräumt werden. 1991 besuchte ich dieses blühende Dorf zum letzten Mal. Eine alte Webtradition war dort leben-dig, die es nur in diesem Dorf gab. Wasser gab es genü-gend, auch Gärten und Felder. Die Aktion „Brot für die Welt" und der „Weltrat der Kirchen" hatten erhebliche Mittel zur Verfügung gestellt, um dieses Dorf zu ent-wickeln. Heute kann man dieses Dorf nicht mehr besu-chen. Im November 1993 mußten die Christen nach ei-nem Ultimatum des türkischen Militärs und trotz vieler internationaler kirchlicher Proteste das Dorf verlassen. Es wurde „ethnisch gesäubert". Warum? In der Nähe des Dorfes befand sich ein großes PKK-Lager, das vom tür-kischen Militär zerschlagen werden sollte. Denn so sieht gegenwärtig die Realität aus: Im Südosten der Türkei herrscht Bürgerkrieg zwischen türkischem Militär und PKK. Die Christen von Hassana waren im Weg und sie sind es immer wieder. Sie mußten gehen. Das Dorf ist heute vermint und gehört zum Sperrgebiet; die Häuser sind ausgeraubt, zerfallen und zerstört. Das Dorf mit seiner reichen Kultur, mit seiner alten Kirche und mit sei-nen alten Häusern steht nur noch auf dem Papier; das ge-hört der Vergangenheit an. Wieder haben die Christen im Tur Abdin eines ihrer alten Dörfer verloren, ohne daß sie sich wehren konnten! Der Pfarrer, Abuna Thomas, den ich einige Monate später im Kloster Mar Gabriel traf, sagte mir mit Tränen in den Augen: „Uns wurde alles genommen. Wir haben alles verloren. Unser Herz weint. Aber unseren Glauben kann uns niemand nehmen"!
Hassana macht deutlich, daß die Christen gleichsam zerrieben werden
wie zwischen zwei großen Mühl-steinen. Das türkische Militär
und die Dorfwächter - eine paramilitärische Schutztruppe, die
vom türkischen Mili-tär bezahlt wird - die PKK und die „Hisbollah",
die „Gottes Partei", eine aggressive, fundamentalistische Strömung
des Islam, alle vier Gruppen bedrängen die Christen, bedrohen sie
und wollen sie in ihrer Andersar-tigkeit nicht leben lassen. Und wenn Menschen
schutzlos werden und anderen ausgeliefert sind, fliehen sie, auch wenn
sie damit ihre Heimat aufgeben, in der sie als Min-derheit schon lebten,
bevor sie Christen wurden. Die zu-nehmenden islamistischen Tendenzen in
der heutigen Türkei, vor allem auch im Südosten des Landes, sind
be-unruhigend. Wo sollen die Minderheiten bleiben, wenn die Islamisten
weiteren Einfluß gewinnen? Werden sie auch weiterhin in dem Land
leben können, in dem sie schon seit Jahrtausenden leben, längst
bevor es eine Türkei gab?
Marbobo - ein Dorf, das am Fuße des Gebirges liegt, unweit der
alten „Seidenstraße" mit Blick auf die syrische Grenze. Dort gab
es in den letzten Jahren immer wieder Unruhen und Schießereien. Vermummte
Männer, vermutlich Angehörige der „Hisbollah" und Dorfwächter
hielten die christlichen Familien in Atem. Christen sollten sich wie Muslime
verhalten, war eine ihrer Forderungen. Bewohner und Besucher wurden von
ihnen streng beobachtet und kontrolliert. Zeitenweise hatten sich
die Unruhestifter auf dem Dach des Nachbarhauses gegenüber dem Haus
des Bürgermeisters verschanzt, um von dort aus das Leben im Dorf
genau zu beobachten. Eine Militärstation sorgte vorübergehend
für Ruhe und zwang die Unruhestifter abzu-ziehen, die es u.a. auch
auf die reichen Baumwoll - Felder der Christen abgesehen hatten.
Im Sept. 1995 kam es wieder zu Auseinandersetzungen, diesmal zwischen
Hisbollah und PKK, die sich im Gebirge versteckt hielt. Die Christen wurden
vom türkischen Militär gezwungen, ihr Dorf zu verlassen, nachdem
der Kommandant der Militärstation mit seinem Auto auf eine Mine gefahren
war und dabei getötet wurde. Die christlichen Familien verließen
aus Angst ihr Dorf. Sie wurden im Nachbardorf Gündüschükrü
aufgenommen oder flohen zu Verwandten nach Westeuropa.
In Marbobo liegt eine alte Höhlenkirche, deren Ursprünge
bis ins 3. Jhd. zurückreichen. Sie gehört sicher zu den ältesten
Kirchen im Tur Abdin. Aber wenn keine Christen mehr da sind und keine Gottesdienste
mehr gefeiert werden, wird sie verfal-len und zerstört werden.
Wieder mußte ein Dorf von Christen aufgegeben werden, weil ihr
Leben bedroht wurde. Traurig, aber wahr!
Marbobo - in diesem Dorf, das am Fuße des Gebirges liegt, unweit
der alten „Seidenstraße" wenige Kilometer von der sy-rischen
Grenze entfernt, gab es in den letzten Jahren immer wieder Unruhen und
Schießereien. Vermummte Männer, ver-mutlich Angehörige
der Hisbollah und Dorfwächter hielten die christlichen Familien in
Atem. Christen sollten sich so verhalten wie Muslime, war eine ihrer Forderungen.
Bewohner und Besu-cher wurden von ihnen streng kontrolliert und beobachtet.
Sie hatten sich sogar längere Zeit gegenüber dem Haus des Bürger-meisters
auf dem Dach verschanzt, um alles in Blick zu behal-ten. Schüsse fielen
immer wieder.
Eine Militärstation sorgte vorübergehend für Ruhe und
zwang die Unruhestifter abzuziehen., die es u.a. auch auf die reichen Baumwollfelder
der Christen abgesehen hatten. Im September 1995 kam es wieder zu Auseinandersetzungen,
diesmal zwi-schen Hisbollah und PKK, die sich im nahe gelegenen Gebirge
versteckt hielt. Die Christen wurden daraufhin vom türkischen Militär
gezwungen, ihr Dorf zu verlassen, nachdem der Kom-mandant der Militärstation
mit seinem Auto auf eine Mine gefahren war und dabei tödlich verletzt
wurde.
Die Christen verließen aus Angst ihr Dorf. Sie wurden im Nachbardorf,
in Gündüschükrü aufgenommen oder flohen zu Verwandten
nach Westeuropa. Wieder mußte ein Dorf von Christen aufgegeben werden,
weil ihr Leben bedroht war.
In Marbobo ist eine eindrucksvolle „Höhlenkirche", die wahrscheinlich
bis ins 3. Jahrhundert zurückgeht und eine der ältesten Kirchen
im Tur Abdin ist. Was aus dieser Kirche wird, wenn die Christen nicht mehr
da sind? Sie wird zerfallen, wie viele andere Kirchen auch, in denen keine
Gottesdienste mehr gehalten werden. Traurige Realität!
Das Kloster Mar Gabriel liegt etwa 25 km von Midyat entfernt. Es ist das berühmteste Kloster des Tur Abdin und bis heute der geistliche Mittelpunkt der syrisch or-thodoxen Kirche. Gegründet wurde es durch Mar Shmu-el Savroyo und seinen Jünger Shamoun Kartminoyo im Jahr 397 nach Christus. Im Jahr 668 wurde es unter dem Namen Mar Gabriel, heiliger Gabriel bekannt. Der Abt und Bischof hieß Mar Gabriel. Das Kloster erlebte in den darauf folgenden Jahrhunderten Höhen und Tiefen, Zeiten der Zerstörung und des Wiederaufbaus. Lange Zeit war es Sitz des Metropoliten in der Diözese Tur Abdin. Auch heute residiert der Metropolit wieder im Kloster.
Das Kloster wurde in den zurückliegenden 25 Jahren vollständig renoviert und saniert. Diese Arbeiten sind bis heute noch nicht abgeschlossen. Erzbischof Timotheos Samuel Aktas, der viele Jahre auch Abt war, hat dieses Kloster wieder neu zum geistlichen Zentrum der syri-schen Christen ausgebaut. Heute leben und arbeiten dort etwa 75 Personen - Mönche, Nonnen, Lehrer mit ihren Familien und 30 Schüler. In der Klosterschule, die vor drei Jahren renoviert und erweitert wurde, wird die Mut-tersprache, Liturgie und Literatur der syrischen Christen gelehrt. Das Kloster Mar Gabriel feiert 1997 sein 1600 jähriges Jubiläum.
Der Erzbischof Timotheos ist Hirte der noch im Tur Ab-din lebenden Christen. Heute sind es noch ca. 2500. Vor 30 Jahren waren es noch Zehntausende. Viele haben in-zwischen ihre Heimat verlassen, weil sie als Angehörige einer religiösen und ethnischen Minderheit bedroht wer-den. Seit 1992 sind über 25 Christen im Tur Abdin er-mordet worden; viele wurden entführt; viele wurden meist ohne Prozess ins Gefängnis geworfen. Viele fürch-ten um ihren landwirtschaftlichen Besitz und um ihr Eigentum. Sie werden als Ungläubige und als Anders-gläubige bezeichnet und dadurch in ihrem religiösen Empfinden verletzt.
Der Erzbischof heißt jährlich viele Besucher aus den Dörfern des Tur Abdin, aus der Umgebung und aus dem Ausland in seinem Kloster willkommen. Auch Politiker kommen, um sich über die Situation der Christen zu in-formieren. Syrische Christen aus der ganzen Welt suchen immer wieder das spirituelle Zentrum ihrer Kirche auf. Sogar schwer bewaffnete „Dorfwächter" aus der Umge-bung kommen, um mit dem Erzbischof zu reden und Tee zu trinken.
Der religiöse und kulturelle Reichtum der syri-schen Christen wird sichtbar in den alten Evangeliaren. Es sind Bücher, in denen die biblischen Lesungen aus den Evangelien für den Gottesdienst von Hand aufgeschrie-ben sind. Viele Texte wurden verziert und mit Symbolen versehen. Andere wurden durch kleine farbige Bilder an-schaulich gemacht. Im Kloster Mar Gabriel sind ver-schiedene dieser alten Gottesdienstbücher aufbewahrt. Über die Jahrhunderte hinweg haben sie die Gottesdien-ste begleitet und den Glauben der syrischen Christen gestärkt.
12. Ankündigung" aus dem Evangeliar Hah
Begegnung am Brunnen
Der Engel Gottes und Maria -
Ankündigung der Geburt Jesu:
Gott wird Mensch, Geheimnis des Glaubens.
Die Liebe Gottes wird erfahrbar
in einem Kind - klein und verletzlich,
unscheinbar und doch weltbewegend.
Begegnung am Brunnen -
also am „Ort des Lebens";
denn Wasser ist Leben.
Und Gott ist ein Gott des Lebens,
ein Liebhaber des Lebens.
Ein altes Bild, fast achthundert Jahre alt,
aus einem Evangeliar des Tur Abdin,
Heimat der syrischen Christen.
Heute: Ort der Angst und der Unsicherheit,
im Südosten der Türkei.
Von dort kommt die Botschaft des Advent,
gerichtet gegen Gewalt und
gegen alle Menschenrechtsverletzungen:
Gottes Liebe ist da.
Gott, unterwegs zu uns -
Gott, auf der Seite der Unterdrückten und
Kleinen, der Leidenden und der Zweifelnden.
Shlomo - Friede sei mit dir,
so lautet der Gruß der syrischen Christen -
damals und heute.
Und der Wunsch mündet ein in die Bitte:
Gott, gib der Hoffnung langen Atem,
gib dem Glauben große Augen,
gib der Liebe starke Arme,
gib dem Frieden mutige Herzen.
13. Grab von Dr. E. Tanriverdi in Midyat
Ich besuche den Friedhof des Klosters Abraham in Midyat, der größten Stadt im Tur Abdin mit seinen sechs alten Kirchen und der Bischofskirche. Ich stehe am Grab von Dr. Eduard Tanriverdi, den ich von früheren Besuchen her kannte. Ich erinnerte mich: Mitternacht 4. Advent 1994 - ein Mann wurde erschossen, der sich für das Leben anderer eingesetzt hatte. Wir wissen nicht, wer diese Kugeln abfeuerte. Tödlich getroffen wurde Dr. Eduard Tanriverdi; er war der letzte christliche Arzt in Midyat. Er wollte Brücken bauen zwischen den ethni-schen und religiösen Gruppen; er wollte helfen - ohne Unterschied und Ansehen der Person: Kurden und Tür-ken, Moslems und Christen - weil Nächstenliebe keine Grenzen kennt, sondern nur Menschen, die in Not sind. Er suchte Wege für die Menschen, die sich haßten und andere nicht gelten ließen, die aus religiösen und ethni-schen Gründen nicht miteinander leben wollten und konnten. Als Christ ging er den Weg, der den anders Denkenden ernst nahm, weil er genauso ein Geschöpf Gottes ist wie er selbst. Er wollte Menschen dazu an-stiften - auch wenn sie anders denken und fühlen - stets das Ebenbild ihres Schöpfers im anderen zu sehen und ihm in Ehrfurcht zu begegnen. Dieser Mann wurde nun selbst ein Opfer der Gewalt, die er bekämpfte. Ist es Utopie oder Realität oder beides, was Jesus im Neuen Testament sagte und lebte? In seiner „Bergpredigt" heißt es: „Glücklich sind alle, die den Frieden bauen, denn sie werden Kinder Gottes sein" (Matth. 5,7). Sie helfen mit, daß Gottes Schalom allen gilt und Gottes Reich sich ausbreitet - gewaltlos, mitten in einer bedrohten Welt.
Der Weg führt mich ins Dorf Hah. Dieser Weg hatte immer wieder seine besonderen Gefahren. Sehr schnell konnte es passieren, daß man als Ausländer zu einem Sympathisanten der PKK gemacht wur-de; so hatte ich es selbst erlebt im September 1994. Denn Ausländer, die sich in dieses Gebiet „verirren", müssen Freunde der PKK sein, so der Originalton eines nicht gerade freundlichen Offiziers damals. Abu-na Yakob von Hah erzählte mir, daß die Dorfbewohner in den letzten Jahren immer wieder unter Überfällen zu leiden hatten, die manchmal sogar tödlich ausgegangen sind. Der angesehene Bürgermeister Hanna Aydin starb im November 1993, als sein Auto auf eine Mine fuhr. „Warum lassen sie uns nicht im Frieden leben?" fragte Yakob mich einmal sehr eindringlich. „Wir wollen nur Frieden und Schutz und un-sere Rechte; wir sind doch auch Menschen genauso wie die anderen. Wir sind keine Türken und keine Kurden; wir sind Angehörige einer alten Minderheit mit eigener Sprache, mit eigener Kultur und Religion".
Und dann deutete er langsam mit dem Finger auf seine wunderschöne Marienkirche aus dem 5.Jahrhundert und sagte: „Schau dir unser Gotteshaus an und die alten Symbole dort oben...!" Und nach einer Pause fuhr er fort: „Siehst du dort oben die „Taube", dieses alte bibli-sche Zeichen, das uns auf den Heiligen Geist Gottes hinweist? Seit vielen hundert Jahren erinnert uns diese Taube an die Gegenwart Gottes, der uns Kraft und Mut zum Leben schenkt, auch Hoffnung, obwohl wirklich oft vieles dagegen spricht. Und doch: Wir bleiben, wir halten durch. Unser Glaube hält uns. Dies ist unsere Heimat, in der unsere Wurzeln stecken. Wir werden mit der Gefahr leben müssen. Aber Mut gibt uns, daß wir nicht vergessen sind, daß Menschen uns besuchen, uns unterstützen und für uns beten".
Daneben gibt es aber auch viele kleine Hoffnungszeichen, die den starken Lebenswillen der Christen dokumentieren, die noch im Tur Abdin leben und dort bleiben wollen. Die Lehrer haben sich zusammengeschlossen und organisieren für sich gemeinsame Kurse für ihre Ausbildung, um den Jugendlichen ihre Muttersprache, den christlichen Glauben und ihre Kultur weitervermitteln zu können. Jugendliche haben sich an einen Tisch gesetzt, um ihre Belange und Perspektiven zu diskutieren. Sie haben Kontakte mit syrischen Jugendlichen im Ausland aufgenommen und hoffen auf ihre Unter-stützung. Viele Dörfer wurden mit Wasserleitungen und Brunnen versorgt; Straßen wurden gebaut, um die Dörfer besser erreichen zu können und um die Gefahr der Minen zu reduzieren. Ein „Sozialfonds" wurde eingerichtet, damit unbürokratisch und schnell in Notsituationen diakonisch gehandelt und eine finanzielle Unterstützung angeboten werden kann. Im Kloster Mar Gabriel wurde ein neuer Brunnen gebaut, der soviel Wasser gibt, daß um das Kloster herum ein kleiner „Garten Eden" angelegt und sogar Wasser an Kurden aus umliegenden Dörfern abgegeben werden konnte. Fast jedes Dorf ist mit Telefon versorgt, so daß die Kommunikation untereinander und zu den Angehörigen im Ausland wesentlich verbessert wurde. Häuser wurden renoviert, damit jun-ge Familien eine Bleibe haben und eine Existenz aufbauen können. Auch die noch vorhandenen Klöster wurden zum Teil sehr gut sa-niert. Im Kloster Mar Melki zum Beispiel hat sich sogar mit dem dortigen Abt und einigen jungen Mön-
chen ein neues spirituelles Leben entwickelt, das auf die umliegen-den Dörfer ausstrahlt. Die Klosterschule im Kloster Mar Gabriel wurde mit vielen Spenden in den letzten Jahren von Grund auf re-noviert, damit die Schüler aus den umliegenden Dörfern gut unter-gebracht sind und nach dem staatlichen Unterricht in Midyat ihren ergänzenden christlichen Unterricht bekommen können. Malphono (Lehrer) Isa, ein fröhlicher und engagierter Mann, ist verantwortlich für die gesamte Ausbildung im Tur Abdin. Er ist neben dem Erzbi-schof einer der wichtigsten Personen, die im Tur Abdin seit Jahren Verantwortung übernommen haben. Mit seiner Familie wohnt er im Kloster Mar Gabriel.
Viele kleine Zeichen - und die Aufzählung könnte noch fortgesetzt
werden - die etwas vom „Bleiben" und vom „Überleben" in einer gefährdeten
Umgebung erzählen.
16. „Solidaritätsgruppe Tur Abdin"
Gegenwärtig leben im Tur Abdin nur noch etwa knapp 2500 Christen. In den letzten 20 Jahren haben Tausende den Tur Abdin verlassen und sind als Asylsuchende in das westliche Ausland ge-flohen. In der Zwischenzeit leben in Deutschland über 40 000 sy-rische Christen und in Europa sollen es insgesamt 70 000 sein. Der Tur Abdin scheint in die „Diaspora" verpflanzt und „europäisiert" worden zu sein. Aber die Wurzeln liegen immer noch im Tur Abdin. Daran erinnert nicht zuletzt auch das 1600 jährige Jubiläum des Klosters Mar Gabriel im Jahr 1997.
1993 haben wir die „Solidaritätsgruppe Tur Abdin" gegründet. Es ist eine ökumenische Initiative. Sie setzt sich seit Jahren für den Erhalt des Tur Abdin als eines der ältesten Gebiete der großen christlichen Familie und für einen gesicherten Verbleib der Christen in ihrer Heimat ein. Sie informiert die kirchliche und politische Öf-fentlichkeit über neue Entwicklungen, vor allem auch über Men-schenrechtsverletzungen. Sie unterstützt Projekte und macht auf den kulturellen Reichtum dieser Christen aufmerksam. Gegenwärtig för-dert sie nachdrücklich die Aufnahme des Tur Abdin auf die „Welterbeliste" der UNESCO. Die Verbundenheit mit den Christen im Tur Abdin kommt immer wieder durch ökumenische Besuche der Klöster und der Dörfer zum Ausdruck.
„Schau nach deinen Brüdern, ob es ihnen gut geht", so heißt
es in der Davidsgeschichte im 1.Samuel 17,18. Auf heute übertragen
heißt dies: „Schau nach deinen Geschwistern, ob es ihnen gut geht",
genauer übersetzt: „...ob der Schalom Gottes bei ihnen ist". Dies
ist der bleibende Auftrag von uns Christen heute und auch das Anlie-gen
der „Solidaritätsgruppe Tur Abdin".
Besuche im Tur Abdin sind möglich und nötig. Die Situation
ist ge-genwärtig so, daß man fahren kann. Kontrollen wird es
geben - mal weniger mal mehr - und ein Restrisiko wird auch bleiben.
Und doch möchte ich ermutigen, den Tur Abdin zu besuchen. Es geht
und die Christen dort werden sich freuen!
17. Auf dem Weg
in den Nordirak
Und der Weg wird weiter gehen - in den Nordirak, nach irakisch Kurdistan. Dort leben fast in der Nachbarschaft zum Tur Abdin, nur durch eine fast unüberwindbare Grenze ge-trennt, etwa 1oo ooo assyrische und chaldäische Christen. Sie leben in jener Schutzzone nördlich des 36. Breitengrades, die von den Alliierten am Ende des zweiten Golfkrieges 1991 für Kurden und Assyrer eingerichtet wurde und die bis heute noch besteht. Beide sind die zahlenmäßig stärksten ethnischen Minderheiten in dieser Region und im gesamten Irak. Die Leiden der zurückliegenden Jahrzehnte, verursacht durch die rücksichtslosen Kriege des irakischen Diktators, durch immer wieder aufflammende gewaltsame Auseinandersetzungen zwi-schen den beiden großen kurdischen Parteien KDP und PUK unter ihren Führern M. Barzani und J. Talabani und durch ständige Übergriffe des türkischen Militärs zur angeblichen Bekämpfung und Zerstörung der PKK, haben dieses alte Kulturvolk der Assyrer in eine äußerst schwierige, fast ausweglose Situation gebracht: Viele Familien leben am Rande des Existenzminimums; viele Häuser und Dörfer sind zerstört; viele alte Kirchen und Klöster wurden dem Erdboden gleichgemacht; viele Schulen haben keine Bücher zur Ausbildung der Jugendlichen; viele sind geflohen; die Menschen, die in ihrer Heimat ausharren, sind von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten. Solidarität ist gefragt.
Erste Ansätze und Versuche von hiesigen Kirchengemeinden und Landeskirchen gibt es. Persönliche Kontakte wurden in der Zwischenzeit über assyrische Freunde geknüpft. Die Württem-bergische und Bayrische Landeskirche kümmern sich seit eini-gen Jahren um diese fast vergessenen Assyrer, die alle zur Familie der Christen gehören. Ein erster offizieller Besuch ist noch für 1997 geplant. Es ist der dritte Anlauf. Zwei Mal hat die Türkei in den zurückliegenden Jahren kein Einreisevisum in den Nordirak gewährt. Man muß wissen: Die Türkei bestimmt, wer in den Nordirak darf und wer nicht. Frage: Ist das nicht auch eine eklatante Verletzung der Menschenrechte, über die Einreise in ein Land zu entscheiden, für das man politisch nicht verantwortlich ist?! Der dritte Versuch soll über Syrien und über den Tigris in den Nordirak gemacht werden, um die vergessenen Christen dort zu besuchen und um auf ihr Schicksal hier aufmerksam zu machen. Hoffentlich gelingt es!
Und während ich diesen Text schreibe, höre ich immer wieder
Nachrichten, daß die Türkei ihre Invasion in den Nordirak fortsetzt,
um mögliche PKK - Camps zu zerstören. Sie über-schreitet
die Grenze in ein anderes Land und niemand hindert sie daran, niemand protestiert
in der Weltöffentlichkeit. Sie kann ihre militärischen Operationen
fortsetzen und wird dabei sicher auch assyrische Dörfer und ihre Menschen
in Unruhe und Angst versetzen. Alle Menschen, die dort leben - Kurden und
Assyrer, die nur den Frieden wollen, haben darunter zu leiden.
Ich hoffe und wünsche, daß auch für sie einmal die
Zeit kommt, wo sie in Frieden leben dürfen. Freunde, wir denken an
Euch!
1. „Aktion Postkarte - Baustein für den Tur Abdin"
Kunstpostkarten aus Evangeliaren der syrischen Kirche mit
verschiedenen Motiven zum Kirchenjahr (einige Beispiele im vorliegenden
Heft!) u. Ansichtskarten von Klöstern u. Dörfern des Tur
Abdin sind zu beziehen bei:
„Freunde des Tur Abdin", Bethlehemstr. 2o, A - 4o2o Linz Tel./
Fax: OO43 - 732 - 773578;
Pfarrer Horst Oberkampf, Goethestr. 1, D - 88427 Bad Schus-
senried - Tel.: O7583/ 2463 - Fax: O7583/ 4712
2. „Stimme des Tur Abdin"
Seit über zwei Jahren wird diese Zeitung mit authentischen Texten
und Berichten aus dem Tur Abdin herausgegeben. Redaktion: „Freunde des
Tur Abdin", Bethlehemstr. 2o , A - 4o2o Linz. Jährlich erscheinen
4 Nummern; die „Stimme" kann bei den „Freunden des Tur Abdin" in Linz zum
Preis von DM 2o.- pro Jahr abonniert werden.
3. Ausstellung „Tur Abdin"
Eine Ausstellung mit 54 großformatigen und gerahmten Fotos samt
6 Textrahmen zum Thema „Der Tur Abdin - Heimat der Syrischen Christen"
kann ausgeliehen werden (bei Pfarrer H. Oberkampf, Adresse s.o.). Bedingungen:
Selbstabholung der 4 Ausstellungskisten oder Übernahme der Frachtkosten
und evt. Spende für Projekte im Tur Abdin bzw. Nordirak.
4. Bildband über den Tur Abdin
Er enthält Bilder über die einzelnen Dörfer, Klöster
und Kirchen (ca. 35o Seiten). Derzeit in Vorbereitung; Erschei-nungstermin
Frühjar 1998. Interessenten können sich an die „Freunde des Tur
Abdin" wenden (Adresse s.o.).
5. „Solidaritätsgruppe Tur Abdin"
Informationen über diese Initiativgruppe sind bei den beiden Sprechern
(Adresse s.o. Punkt 1) zu bekommen.
Hinweise zu den Fotos (Nummern = Seiten)
Einband,Vorderseite : St. Michael, Mardin
1 Kreuz"- aus dem Evangeliar von Hah
2 Überreste aus vorchristl.Zeit bei Mar Yakup
4 Landschaft im Tur Abdin/ Blick nach Mardin
6 Mardin - Stadt am Berg mit NATO - Station
7 Bischofskirche in Mardin/ zum Kloster Zafaran
1o Kloster Deir Zafaran / Klosterkirche
11 Eingang zur Kirche/ Symbole aus der Schöpfung
12 Nonne bei der Arbeit
13 Ayinvert - Dorf und Kirche
14 Begegnung mit alter Frau in Ayinvert
16 Syrische Kirche in Killit mit Grab des Bürgermeisters / Häuser
von Killit
18 Aramäisches Vaterunser - geschrieben von Abuna Bitris Ögunc
2o Einzug Jesu in Jerusalem", Evangeliar Idil
22 Der Esel als „Reit- und Lasttier" bis heute
24 Bibel aus Hah
26 Christen aus Hassana/Wasserkanal in Hassana
28 Frau aus Hassana beim Spinnen
30 Auf dem Weg nach Marbobo / Haus der „Unruhestifter"
31 Blick in die alte Höhlenkirche/ Baumwollernte
33 In der Ferne: Das Kloster Mar Gabriel
34 Klosterkirche / Innenraum der alten Kirche
37 Bilder aus dem Kloster Mar Gabriel: Alte Mauern
- Gemüse im Klostergarten - neuer Brunnen
- Renovierung geht weiter...
38 erneuerte Klosterschule - Mönch als Lehrer -
Besucher beim Erzbischof Timotheos: Dorfwächter /
ausländische Gruppe
39 Beim Gottesdienst in der Klosterkirche
4o Erzbischof liest im alten Evangeliar von Hah
41 Ankündigung"- aus: Evangeliar von Hah (1227)
43 Blick auf die Stadt Midyat / Kloster Abraham mit Friedhof
45 Grabmal Dr. E. Tanriverdi in Midyat
46 Marienkirche in Hah
47 Christliche Symbole im oberen Teil der Kirche
49 Familien im Tur Abdin
50 Jeder ein Orginal Gottes ...
51 Brunnen in Bakisyan
53 Malphono Isa vom Kloster Mar Gabriel
54 Kloster Mar Yakup / mit Blick auf Salah
55 Mar Yakub: Innenraum der Kirche/ Seitenaltar
57 Frauen und Mädchen in ihren bunten Kleidern
58 Beim Backen von Fladenbrot/ Zubereitung von Schafskäse
59 Weintrauben u. Melone - Früchte im Tur Abdin
6o Die Gastfreundschaft ist sprichwörtlich...
62 Offenes Tor in Ayinvert
63 Blick auf Basibrin
64 Baum der Hoffnung in Bakisyan
67 Untergehende Sonne in der Nähe von Mar Gabriel
Innenseite(2.): Karte „Tur Abdin"- erstellt
von „"Freunde des Tur Abdin""
Rückseite:Überreste einer Kirche in Hah