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Kritische Anmerkungen zum Werk Gabriele Yonans "
Assyrer heute, Kultur, Sprache Nationalbewegung der aramäisch sprechenden Christen im Nahen Osten
."

Von Dekan Paul Menebröcker

Seit gut einem Jahrzehnt strömen orientalische Christen in die Länder des westlichen Abendlandes. Zum größten Teil kommen diese Menschen aus der südöstlichen Türkei, dem Tur Abdin, und gehören der syrisch-orthodoxen Kirche an. Im Abendland wird diese Kirche gewöhnlich die "Jakobitische Kirche" genannt, obwohl die Kirche selbst diese Bezeichnung ablehnt.
Anfangs kamen diese Menschen als "Gastarbeiter". Sie nahmen auf diese Weise die Möglichkeit wahr, den Unterdrückungen und Verfolgungen in ihrer Heimat zu entkommen und in einem freien westlichen Land als freie Menschen leben zu können. Von Anfang an hatten sie die Absicht, in Deutschland, Schweden Österreich oder auch den Niederlanden zu bleiben.
Als dann auf Grund der Recession in den westlichen Ländern der Anwerbestop für Gastarbeiter verfügt wurde, wohnte oft ein Teil der Familien im westlichen Abendland, ein anderer Teil noch in der südöstlichen Türkei.
Seit dieser Zeit versuchen die Christen, über einen Asylantrag in Deutschland oder auch einem anderen westlichen Land bleiben zu können. Von Seiten der westlichen Regierungen wird die Berechtigung zur Zeit noch nicht anerkannt, weil die türkische Regierung einfach behauptet, dass es in ihrem Lande keinerlei Christenverfolgungen gäbe.
Gabriele Yonan ist in ihrer Schrift, "Assyrer heute" dieser Frage nachgegangen.

1. Würdigung des Werkes "Assyrer heute" von Gabriele Yonan

In ihrer sehr fleißigen Arbeit wird ein Aufriss der Geschichte der christlichen Völker im Vorderen Orient gegeben, als auch der Versuch unternommen, die Situation der christlichen Minderheiten in einer mohammedanischen Umgebung möglichst objektiv darzustellen. G. Yonan stellt fest: Diese Christen waren in der Vergangenheit und sind auch heute noch in ihren Heimatländern einer ständigen Verfolgung ausgesetzt. Viele Christen verließen ihre Heimat, um in anderen, vornehmlich in christlichen Ländern, eine Bleibe und eventuell eine neue Heimat zu finden. Diese Menschen kamen so als Gastarbeiter und als Asylbewerber auch in die Bundesrepublik Deutschland. Die verschiedenen Staaten Europas reagierten aus diese "Einwanderung" sehr unterschiedlich. Die westlichen Staaten, so auch die Bundesrepublik, erkennen die Asylberechtigung dieser christlichen Minderheiten bis heute noch nicht an. Ausführlich beschreibt Gabriele Yonan das Verhalten der verschiedenen Regierungen und auch die fatale Situation, die sich daraus für diese Christen ergibt. Die Schrift möchte als Information dienen bei Bürgerinitiativen, Kirchengemeinden, Sozialarbeitern aber auch bei Gerichten, die über Asylanträge zu entscheiden haben.
Außerdem soll dieses Werk informieren über die "Assyrische Universalallianz" und gleichzeitig für diese Organisation werben. Die A.U.A. versucht die Christen der verschiedenen orientalischen Kirchen in sich zu vereinen, um politische Ziele zu erreichen.

2. Die "Assyrische Universalallianz" (A.U.A.)

Bei der A.U.A. geht es um eine politische Organisation, nicht um eine religiöse. Von Gabriele Yonan wird hier nicht klar differenziert. Wie auf den Seiten 216 ff eindeutig vermerkt ist, will die A.U.A. die syrischen bzw. die assyrischen Völker in einer Union zusammenfassen, durch Pflege des Volkstums und der Kultur das Gefühl einer eigenen Nationalität wecken und fördern. Gleichzeitig versucht diese Organisation für das "assyrische Volk" im internationalen Spiel Ziele zu erreichen. Als vielleicht einmal in späterer Zukunft erreichbare Utopie schwebt den Initiatoren vor: ein eigener christlicher Staat im Vorderen Orient: Was das internationale Judentum in dem "Staat Israel" erreichte, warum sollten das nicht auch die orientalischen Christen vermögen?
Die Bewegung geht hauptsächlich von Studenten, Professoren und Leuten mit einer höheren Schulbildung aus. Gegründet wurde die A.U.A. auf dem ersten "Assyrischen Weltkongress" vom 10. - 13. April 1969 in Pau/Frankreich. (Yonan S. 216 ff)
Auf den jährlichen Kongressen in verschiedenen Städten der Welt nahm die Organisation immer mehr Gestalt an:
Die A.U.A. will einen universalen Zusammenschluss auch auf kirchlicher Basis. Gabriele Yonan schreibt auf S. 218 in der Zusammenfassung: "Die Idee einer assyrischen Weltorganisation entspricht der Notwendigkeit, einen universalen Zusammenhalt zwischen den einzelnen assyrischen Organisationen, kulturellen und kirchlichen Gruppen zu schaffen, die verstreut und vereinzelt in zahlreichen Ländern und Staaten des Nahen Ostens, in Europa, in Amerika und Übersee existieren."
Die assyrische Weltorganisation will einen Zusammenschluss auch der kirchlichen Gruppen schaffen und zwar auf demokratischem Wege. Darin liegt nach meiner Ansicht eine wohl nicht zu lösende Problematik der A.U.A.

3. Die A.U.A. und die Kirchen des Vorderen Orients insbesondere des Nestorianismus

Im Vorderen Orient gibt es vier große kirchliche Gemeinschaften: Die "Armenische Kirche", die "Syr.-orth. (jakobitische) Kirche", die "Alte Apostolische Kirche des Ostens" (nestorianische Kirche) und die "Chaldäische Kirche". Die Glaubensunterschiede zwischen diesen Kirchen sind z.T. recht erheblich. Dementsprechend sind auch die Beziehungen der Kirchen untereinander recht unterschiedlich.
Gabriele Yonan geht in ihrem Werk "Assyrer heute" so gut wie ausschließlich vom Denken und den Vorstellungen der "Nestorianischen Kirche" aus. Die anderen Kirchen (besonders die syr.-orth. Kirche) werden zwar recht oft erwähnt; aber ich habe den Eindruck, mehr als "Füllmaterial". Ein syr.-orth. Christ von Ahlen sagte mir: "Ich weiß gar nicht, warum wir immer wieder erwähnt werden. Sie berichtet doch ausschließlich von der "nestorianischen Kirche".
Man kann nicht umhin, festzustellen, dass nach dem Werk von Gabriele Yonan in der Assyrischen Universalallianz das nestorianische Denken eine außergewöhnliche Vorrangstellung hat.
Innerhalb der syr.-orth. Gemeinden konnte ich aus diesem Grund ein großes Unbehagen gegenüber der Assyrischen Universalallianz feststellen. Schon der Name "Assyrer" weckt Reserviertheit.

4. Syrer – Assyrer

Gabriele Yonan spricht ständig von "Assyrern" Auf Seite 31 schreibt sie: "Ab jetzt soll die Bezeichnung "Assyrer" eingeführt werden, an Stelle konfessioneller oder lokaler Namensgebung."
"Assyrer" ist ein" patriotischer Name. Er bedeutet ein Programm. So schließt das Kapitel ganz folgerichtig mit der "Assyrischen Kriegshymne" (Yonan S.31).
Dem nationalen Begriff "Assyrer" steht die Kirchenbezeichnung "Syrisch-orthodoxe Kirche" gegenüber. In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung, dass auch der Begriff "Assyrer" konfessionell geprägt ist: Von den syr.-orth. Christen werden allgemein die Nestorianer "Assyrer" genannt.
Das Wort "syrisch" hat hier nichts zu tun mit der modernen Staatsbezeichnung "Syrien". Vielmehr ist es ein sehr altes Synonym für "christlich". Die "Syrer" sind schlechthin die "Christen".
Ich persönlich habe bei den Mitgliedern der syr.-orth Kirche, seien sie aus Ahlen, aus Köln, Hengelo, Berlin oder Augsburg nie die Selbstbezeichnung "Assyrer" gehört sondern immer nur "Syrer". Der Name "Assyrer" entspricht wohl mehr dem Wollen einer patriotischen Gruppe, die gern alle Mitglieder der vier verschiedenen Kirchen zu einer Allianz zusammenschmieden möchte, als dem wirklichen Denken vieler Mitglieder dieser Kirchen. Von der syr.-orth- Kirche möchte ich das behaupten.

5. Die A.U.A und die Syrisch-Orthodoxe Kirche

Dem Wunsche und dem Wollen der Assyrischen Bewegung kommt ein besonderer Umstand zugute: Die Mitglieder der Bewegung kommen hauptsächlich aus den Reihen der Studenten und der Intelligenz. Die syr.-orth. Christen aus dem Tur Abdin, der südöstlichen Türkei, haben sehr wenige Mitglieder, die eine höhere Schulbildung haben. Während diese einfachen Leute sich sehr schwer im Ausland tun, haben die "Assyrer" schon wegen ihrer Schulbildung erheblich weniger Schwierigkeiten: Sie überwinden leichter die sprachliche Barriere. Sie verstehen es, mit den Behörden zu verhandeln, in internationalen Gremien vertreten zu sein. Leider kann ich nicht umhin festzustellen, dass diese Möglichkeit von der A.U.A. ausgenutzt wird, um für die A.U.A. auf recht unredliche Weise zu werben. Das wäre nicht so tragisch, wenn da nicht die enge Verquickung zwischen der Assyrischen Bewegung und dem nestorianischen Denken wäre. Der Glaube ist hier betroffen. Die Zugehörigkeit zu dieser patriotischen Bewegung kann somit nicht ohne Auswirkung auf das kirchliche Denken bleiben.
Für viele Mitglieder der syr.-orth Kirche bedeutet das ein schwerer Gewissenskonflikt: Auf der einen Seite sind diese Menschen aus dem Orient geflohen. Aber er bleibt ihre Heimat, er bleibt ihr eigentliches Zuhause. Hier in den europäischen Ländern erleben sie tagtäglich, dass sie angesehen werden wie Menschen 2. Klasse, dass sie ungeliebt sind. Mit Recht tituliert Peter M. Ranke seinen Artikel am 27. Juni 1977 "Die Welt" S. 5 "Assyrische Christen - Flüchtlinge, die niemand will ". Und da sind nun Landsleute, die es verstehen, mit den Behörden umzugehen, die bereit sind, ihnen zu helfen. Wer könnte es einem Christen dieser orientalischen Kirchen verargen, wenn er den sehnlichsten Wunsch hat, dass da endlich ein Land sein wird, wo er sich zuhause fühlen darf, wo man ihn nicht schief ansieht, wo er gewünscht und geliebt ist unter seinen eigenen Landsleuten! In diesem Punkt sind auch die Priester der syr.-orh. Kirche Mitglieder dieser "Christen die niemand will"!
Und da gibt es nun diese Schwierigkeit. Die Nationalbewegung ist eng verquickt mit der nestorianischen Kirche und da diese Bewegung sich versteht als "überkirchliche Nationalbewegung" erwartet sie, dass die eigene kirchliche Identität gegenüber der Nationalbewegung zweitrangig wird. Der Anschluss an die assyrische Bewegung bedeutet also eine Entfremdung von der eigenen Kirche. Für die syr.-orth. Kirche muss das leider festgestellt werden. Gabriele Yonan schreibt auf Seite 200: "Wegen der überkirchlichen Nationalbewegung kam es zu Schwierigkeiten mit den syr.-orth. Geistlichen, die sich gegen diese Bewegung stellten."
Was heißt hier "überkirchlich"? Soll das heißen, dass die Bewegung erwartet, dass sich die syr.-orth. Kirche vor den Wagen einer patriotischen Bewegung spannen lässt? Die syr.-orth. Kirche hat nicht nur Mitglieder im Vorderen Orient. Sie ist weltweit. Etwa 2.400.000 Mitglieder wohnen in Indien. Mit Recht kann diese Kirche sagen, dass sie auf die Apostel zurückgeht. Eine sehr heftige Auseinandersetzung in Schweden erhellt dieses Problem noch mehr.

6. Vorgänge in Schweden

Hier kam es zu schweren Zusammenstössen zwischen Mitgliedern der syr.-orth. Kirche und der "Assyrischen Allianz". Da fast jede syr.-orth. Familie hier von Ahlen auch Verwandte in Schweden hat, war ich ständig über das, was sich in Schweden tat, gut unterrichtet. Allerdings stimmt die Darstellung der Leute von hier nur dann mit dem Bericht von Gabriele Yonan in ihrem Buch "Assyrer heute" überein, wenn man versteht, zwischen den Zeilen zu lesen. Nun was war passiert?
In den letzten Jahren strömten sehr viele syr.-orth. Christen (nicht Assyrer) in das Land Schweden, weil sie meinten, dort am leichtesten die Möglichkeit zu haben, zu bleiben. Die Vermittlung bei den Regierungsstellen übernahm die "Assyrische Bewegung". Da sie in enger Verbindung mit dem Staatskirchentum und auch mit der Sozial-Demokratischen Partei stand, konnte sie manche Vorteile für die Syrer erreichen. Gabriele Yonan zählt diese ausführlich auf S. 200 auf. Allerdings, so sagten mir die Leute, habe man diese Vorteile nur, wenn man sich der "Assyrischen Bewegung" anschließe. Viele schlossen sich an, weniger aus Überzeugung mehr aus nackter Existenzangst. Die Frage: "was sollen wir den tun?" wurde nicht nur in Schweden sondern in ganz Europa unter den syr.-orth. Christen erörtert. Auch die Haltung der Priester war und ist nicht einheitlich. So brachten die Vermittlungsversuche keinen Frieden. Im Juni 1977 reiste Patriarch Jakub III. selbst nach Schweden und machte seinen Christen deutlich, dass die syr.-orth. Kirche sich nicht der "Assyrischen Bewegung" beuge. Hiergegen nun wetterte die Assyrische Bewegung . Ein "Kommuniqué an unser Volk" wurde in arabischer Sprache verfasst, in dem gegen den Patriarchen zufelde gezogen wurde.

Positiv an diesem Streit war, dass hier eine grundsätzliche Fehlhaltung der A.U.A. ungeschminkt und deutlich ans Tageslicht kam.
Es ist schon eigentümlich, dass das Kommuniqué in arabischer Sprache, also in einer Sprache, die nur von sehr wenigen syr.-orth. Christen verstanden wird, herausgebracht wurde . Worum es eigentlich geht, wird in den letzten Sätzen des Kommuniqués (Yonan S. 200) gesagt: "Diejenigen aber, deren einziges Ziel Herrschaft ohne Grundlage einer demokratischen Ordnung ist, sollen keinen Einfluss mehr gewinnen. Ihr Machtmittel ist diktatorische Anmaßung, also menschenrechtsverletzende Maßnahmen. Ihnen wird sich niemand unter uns beugen, indem wir unsere Volks- und Nationalbezeichnung dem Namen einer bloßen Konfession opfern werden."
Es wird hier also grundsätzlich die "Nationalbezeichnung" (Assyrer) über die Konfession oder richtiger über die Religion gestellt. Es wird dem Patriarchen das Recht einer Kritik an diese Verdrehung der Werte abgesprochen, da die innere Ordnung der syr.-orth. Kirche nicht den Vorstellungen dieser patriotischen Bewegung entspricht. Ich war schockiert über den maßlosen Einmischungsversuch dieser patriotischen Bewegung in das innere Selbstverständnis der syr.-orth. Kirche.
Ich meine: Die Problematik der A.U.A. wird hier deutlich und nicht die der syr.-orth. Kirche. Wie würde unsere römisch-katholische Kirche reagieren, wenn irgendeine Partei, ein Staat oder eine andere Religionsgemeinschaft sich in das innere Selbstverständnis der Kirche einzumischen versuche. In manchen Ostblockstaaten gibt es ja gewisse Parallelen.

7. Prinzipien für ökumenische Gespräche

Ob im Westen oder im Osten, die Christen in aller Welt spüren, dass die Zerrissenheit in verschiedene Konfessionen nicht dem Willen Jesu Christi entspricht. Manche wenig erleuchtete Geister meinen: Was soll das Getue, "die" sollen sich an einen gemeinsamen Tisch setzen. Dann muss jede christliche Konfession zu Kompromissen bereit sein und auch mal hier und dort einige Abstriche machen. Dann müsste man doch auf demokratischem Wege zu irgend einer Einigung kommen.

Es sei hier klar vermerkt: Bei ökumenischen Gesprächen geht dieser weg absolut nicht. Vielmehr ist jeder Versuch nach dieser Methode von Anfang an zum Scheitern verurteilt: Die Probleme, die Zerrissenheit und das gegenseitige Misstrauen werden höchsten noch größer. Für ökumenische Gespräche müssen andere Wege gefunden werden. Sehr eingehend hat sich das Zweite Vatikanische Konzil mit dieser Frage beschäftigt und Prinzipien für die Ökumene aufgestellt. Im Dekret über den Ökumenismus (Erstes Kapitel (Art 4)) wird gesagt: "Dazu gehört: Zunächst alles Bemühen zur Ausmerzung aller Worte, Urteile und Taten, die die Lage der getrennten Brüder nach Gerechtigkeit und Wahrheit nicht entsprechen und dadurch die gegenseitigen Beziehungen mit ihnen erschweren." oder etwas weiter im selben Kapitel: "Es ist billig und heilsam, die Reichtümer Christi und das Wirken der Geisteskräfte im Leben der anderen anzuerkennen, die für Christus Zeugnis geben, manchmal bis zur Hingabe ihres Lebens." Voraussetzung für jedes Gespräch ist das "Ernstnehmen des Gesprächspartners". Das gilt für jedes Gespräch; erst recht für jedes ökumenische Gespräch.
Bei aller Begeisterung für eine patriotische Idee muss sich die A.U.A. an diese Grundregeln halten.
Und sollte die Bewegung wirklich einmal die Aufgabe eines Parlamentes (Yonan S. 218) übernehmen, dann darf nicht gleich am Anfang die Unterdrückung der religiösen Freiheit stehen. Das haben gerade diese Menschen zur Genüge von seiten des Islam erlebt. Es wäre dann besser, die A.U.A. gäbe sich selbst auf.

8. Die syr.-orth., die röm.-kath. (kaldäische), armenische und die nestorianische Kirche

Die orientalischen Kirchen bilden nunmal keine Einheit. Es bestehen zum Teil tiefe Glaubensunterschiede.
Dementsprechend war und ist die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen tiefer oder auch nur sehr oberflächlich und locker. Wie ich aus Gesprächen mit den syr.-orth. Christen entnahm, stehen die armenische, die chaldäische (röm.-kath.) und die syr.-orth. Kirche in einem verhältnismäßig weitem Abstand zur nestorianischen Kirche, was glaubensmäßig bedingt ist. Die Zusammenarbeit zwischen den anderen drei Kirchen war bereits in der Türkei eng und gut: Seit vielen Jahren werden mehrere chaldäische (röm.-kath.) Dörfer von Priestern der syr.-orth. Kirche seelsorglich betreut: Sie taufen die Kinder, feiern mit ihnen heilige Eucharistie und schließen die Ehen (Yonan, Assyrer heute, S. 112 unten). Der syr.-orth. Priester Johannes Teber, jetzt Berlin, hat manches mal den beschwerlichen Weg in die entlegenen Bergdörfer gemacht, um dort die röm.-kath. Christen zu betreuen.

Als dann syr.-orth. Christen aus der Türkei nach Deutschland kamen und anfangs nur ein einziger Priester, Bitris Schüsche, Augsburg, für ganz Deutschland zur Verfügung stand, kamen diese Christen zu den röm.-kath. Kirchen, um dort ihre Kinder taufen zu lassen. Bereits von meinem Vorgänger im hiesigen Pfarramt wurden zwei Kinder getauft. Ebenfalls auf höchster Ebene wurde zwischen beiden Schwesterkirchen die Zusammenarbeit vertieft. Es kam zu mehreren Gesprächen zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Yakub III. (In Gabrieles Buch werden diese Gespräche nicht erwähnt!). Sie führten dazu, dass im Jahre 1971 ein gemeinsames Kommuniqué unterzeichnet wurde. Die syr.-orth. Kirche schickte nun ihre Studenten an die kath. Hochschulen. Der Diakon Hanna Aydin studierte bei den Franziskanern in Schwarz bei Innsbruck und der jetzige Priester Yusuf Harman zuerst bei den Lazaristen in Istanbul und kam dann über denselben Orden nach Wien. Hierbei war es nicht zufällig, dass die ersten Studenten nach Österreich kamen. Insbesondere Kardinal Dr. Franz König pflegte seit Jahren gute Beziehungen zu Patriarch Yakub III. (Yonan, Assyrer heute S. 208). Mehrere Besuche des Patriarchen in Rom und in Wien als auch Besuche von Kardinal König in Damaskus liessen das gegenseitige Verhältnis tiefer wachsen. Beim kurzen Pontifikat von Papst Johannes Paul I., war ein Tag (19.07.1978) der syr.-orth. Kirche gewidmet.
Am 23. Mai 1977 hatte ich selbst ein längeres Gespräch mit Patriarch Yakub III., das sich fast über den ganzen hinzog. Es ging um die Frage der ökumenischen Zusammenarbeit zwischen der röm.-kath. und der syr.-orth. Kirche und insbesondere um die seelsorgliche Betreuung der syr.-orth. Christen in Deutschland durch röm.-kath. Priester. Ich spürte, dass dieses Gespräch sich vertiefte, als ich dem Patriarchen sagte, dass jeder Versuch einer Proselytenmacherei von mir und auch insgesamt von der röm.-kath. Kirche abgelehnt wird. Das war und ist die Basis, auf der ein gutes gegenseitiges Verhältnis der Kirchen zueinander gewachsen ist und weiter wachsen kann. Grundsätzlich war diese Haltung der kath. Kirche dem Patriarchen aus vielen Gesprächen mit Kardinal König, Papst Paul VI., Johannes Paul I. und Johannes Paul II. klar. Aber wie sieht dieses Verhältnis zueinander in der praktischen Seelsorge aus? Das war die Frage, die den Patriarchen sehr interessierte: Auf der einen Seite die syr.-orth. Christen, die in Deutschland als Gastarbeiter oder als Asylantragsteller oft nicht gewünscht sind, der deutschen Sprache nicht mächtig sind und auf der anderen Seite der kath. Pfarrer oder auch der Dechant in einer überwiegend kath. Stadt, der sich in den Gesetzen auskennt, für den das Deutsche die Muttersprache ist, mit dem die Behörden gut auskommen möchten. Wieviele Möglichkeiten einer wirklichen Hilfe sind dem gegeben! Aber es besteht auch die Gefahr, dass dieser Pfarrer die syr.-orth. Christen in ein Abhängigkeitsverhältnis zu sich bringt. Das wäre ein große Übel. Es würde eine weitere Zusammenarbeit sehr erschweren, wenn nicht unmöglich machen.

Aber diese Kirche konnte etwas anderes bei den letzten Päpsten spüren: Es ist tiefes Anliegen auch der röm.-kath. Kirche, dass diese Kirche mit ihrer reichen Tradition, mit der aramäischen Sprache, der Sprache Jesu, als liturgische Sprache und ihrem großen Glauben der gesamten Christenheit erhalten bleibe. So sagte die syr.-orth. Delegation bei der Amtseinführung von Papst Johannes Paul II.: "Unsere syrische Kirche, die immer noch die syrische Sprache in ihrer Liturgie verwendet, welche mit dem Munde des Erlösers, der Heiligen und der Erstmissionare geheiligt worden ist, erlebt heute neue Geschehnisse, von denen eines die Auswanderung einer großen Anzahl ihrer Söhne in verschiedene Richtungen der europäischen Länder und der Benelux-Länder und Skandinavien ist. Unser syrisches Volk, Bewahrer seines Glaubens, seiner Tradition und Sprache vor allem seine verantwortlichen Geistlichen erfahren jegliches Willkommen seitens Eurer Kirche. In ihrem Namen und mit Hilfe der Vermittlung Eurer Heiligkeit sprechen wir unseren Dank aus den hochverehrten Bischöfen und dem Klerus der katholischen Kirche, besonders seiner Ehrwürden Kardinal Franziskus König, welche alle sich größte Mühe geben für deren Wohlergehen und Sicherheit im Westen."
Auf höchster Ebene vertieft sich die Zusammenarbeit mehr und mehr. In regelmäßigen Abständen sind syr.-orth. Delegationen und auch der Patriarch selbst bei Papst Johannes Paul II. zu Besuch. Der nächste Besuch seiner Heiligkeit Patriarch Yakub III. ist vorgesehen im Juni dieses Jahres. Auffällig ist, wie rege "Kolo Suryoyo, Bulletin of the Syrian-Orthodox-Church of Antioch in Europe", die offizielle Zeitschrift der syr.-orthodoxen Kirche in Europa, an allem Geschehen im Vatikan teilnimmt.

Wie in Österreich, sucht der syr.-orth. Klerus, suchen die syr.-orth. Christen Kontakte zur röm.-kath. Schwesterkirche. Schwierig ist oft, die ersten Kontakte zu knüpfen. Die syr.-orth. Christen kommen als Fremde in ein fremdes Land, dessen Sprache sie nicht verstehen. Häufig spüren sie: wir sind nicht gewünscht. Sie haben eine gewisse Angst, von den kath. Christen |nicht| verstanden zu werden. Der römische Ritus ist den meisten von ihnen fremd. Umgekehrt wissen die kath. Christen oft gar nicht, dass da unter den Türken Glaubensbrüder sind. Ja, viele Deutsche sind misstrauisch, wenn diese sagen: Wir sind Christen.
Ist aber einmal das Eis gebrochen, können sich diese Kontakte schnell vertiefen. Ich persönlich lernte in kurzer Zeit alle in Deutschland tätigen Geistlichen der syr.-orth. Kirche kennen, die meisten von ihnen in meinem eigenen Pfarrhaus. In vielen Gesprächen erörterten wir die ökumenische Zusammenarbeit zwischen den Kirchen. Immer wieder war festzustellen, wie tief die Übereinstimmungen sind, ob nun in der Liturgie, in der Verehrung der Gottesmutter und der Heiligen oder auch in den grundsätzlichen Glaubensfragen. Das Miteinander muss langsam wachsen. Es kann nicht erzwungen werden.
Manchmal sind es Dinge am Rande, die aufbauen oder belasten.

Beim Buch "Assyrer heute" fiel mir und einigen syr.-orth. Christen auf:
Zur Illustration befinden sich in diesem Buch oft der assyrische Flammstern und der assyrische Stier mit dem Menschengesicht. Das Zeichen des Kreuzes sucht man vergebens. Höchstens findet man es mal auf übernommenen Fotos.
In Gesprächen spürte ich, was dieser Kirche, was diesen Christen das Zeichen des Kreuzes bedeutet. Manche ließen sich das Zeichen des Kreuzes eintätowieren, fasst alle tragen es an einem Kettchen um den Hals. In der Türkei ist es ihnen nicht möglich, dieses Zeichen öffentlich zu tragen. Das Kreuz ist das Zeichen der Christen, ob katholisch, evangelisch oder orthodox, das Zeichen dafür, dass wir durch den Tod Christi erlöst wurden und Brüder und Schwestern Christi wurden. Bei seiner Primiz in meiner Pfarrkirche sagte der Neupriester Yusuf Harman: Wir möchten unter den Christen in Deutschland leben wie Brüder unter Brüdern. Sollten wir ihnen dabei nicht helfen?

 


Last updated: 04.07.2008