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Zum Andenken an den 85. Jahrestag des Völkermordes an den Aramäer
Die Aramäer unter der türkisch-islamischen Herrschaft*

Gabriel Rabo

Warum verlassen die Aramäer eigentlich ihre Heimat und zerstreuen sich überall auf allen Kontinenten der Welt? Wandern sie willkürlich und aus wirtschaftlichen Gründen aus oder werden sie tatsächlich von den ausgelieferten fremden Herrschern ver-folgt? Dies sind häufige Fragen, die man heute stellen kann. Die Verfolgungswellen sind nicht neu. In jedem Jahrhundert gibt es neue schwarze Zeiten: Genau betrach-tet, wurden die Aramäer seit Jahrtausenden von den Assyrer, Persern, vom christlichen Byzanz, von den Arabern und bis heute von den Türken verfolgt. Der schlimmste Genozid dieses Jahrhunderts wurde von den Türken genau vor 85 Jahren während des Völkermordes an den aramäischen Nachbarn, den Armeniern begangen. Millionen von Armeniern und Hunderttausende von Aramäern wurden erbarmungslos massakriert.

1. Die Aramäer in der Vergangenheit

Die Aramäer, die in der Vergangenheit im Nahen Osten die größte Mehrheit bildeten, haben seit der Herrschaft des Islam und der Türken über die aramäische Heimat bis heute ständig darunter zu leiden, daß dort ihre Existenz und Identität vergessen werden. Ihre schwierige Situation hing und hängt noch immer entscheidend von der politischen Lage ab und hat unmittelbar mit der Religion des Islam zu tun. Der Islam ist wesentlich eine Religion der Öffentlichkeit, Religion und Politik sind eins; das islamische Zusammenleben ist theokratisch, Recht ist göttliches Recht. Der Gihad, der heilige Krieg, ist eine dauernde Verpflichtung für jeden Moslem. Dies alles gilt auch für die Verhältnisse in der Türkei, wo nach kemalistisch-nationalstaatlichem Denken zu dem Selbstbewußtsein eines jeden Türken gehört: als türkischer Staatsangehöriger ist man Türke und Muslim. Da der Islam eine Renaissance im Leben der Nation erfährt und sein Einfluß eher zu- als abnimmt, wird die Verbindung Staat-Religion in der Türkei wieder stärker (1). "Der allmähliche Niedergang des Osmanischen Reiches schuf dann seit dem 17. Jh. erneut diskriminierende Erlasse. Diese degradierten die Christen als Bürger zweiter Klasse. Sie durften keine neuen Kirchen bauen, mußten (sogar) ihre Häuser mit dunkler Farbe kennzeichnen und hatten (mehr) Kopfsteuer zu bezahlen" (2). Die Aramäer wurden weder unter den Sultanen noch unter den angeblich demokratischen Türken als "Millet", d.h. als religiöse Sondergruppe mit Selbstverwaltung, gesehen. Außerdem werden sie einerseits von den Türken, andererseits von den immer zahlreicher ins Land drängenden Kurden unterdrückt, massakriert und mit Vorliebe als Sündenböcke benutzt. Die Kurden kamen seit dem Mittelalter als Nomaden, dann als Hilfsarbeiter für die Aramäer aus den östlich gelegenen Gebirgen, entwickelten jedoch später eine Art Feudalsystem, in dem jeder Agha, der Stammeshäuptling, seine christlichen Vasallen unter sich hatte, die ihm gegenüber tributpflichtig und seiner Willkür ausgeliefert waren. Dabei wurden viele aramäische Christen gezwungen, ihre aramäische Sprache aufzugeben und zur Religion der Kurden, dem Islam zu konvertieren. Der größte Teil der Aramäer widersetzte sich jedoch dem Assimilierungsprozeß der Islamisierung. Unter dem Schutz der Kirche konnten sie ihre kulturelle Tradition bis heute bewahren. Die Kurden dienten den Türken vielfach als Handlanger, als Söldnertruppen, wie sie heute auch noch als sogenannte Dorfwächter gegen die PKK kämpfen, und als bequemes Mordinstrument für antichristliche Politik. Besonders unter dem "blutigen Sultan" oder "roten" Abdulhamid II. (1876-1908), genannt so in bezug auf das viele Blut, das er vergossen hat, wurden sie "bewaffnet und durch Anfachung eines religiösen Fanatismus gegen die Christen eingesetzt. Eine Periode der Gesetzeslosigkeit und Willkür begann, es kam häufig zu Morden, Plünderungen von Dörfern und Reisenden, Hungersnot entvölkerte die Dörfer" (3). Die Täter von vorgestern sind nun die Opfer von heute geworden.

Der türkische Nationalismus und der kurdische Glaubensfanatismus mündeten schließlich 1914/15 in einen Völkermord an den Armeniern und dann in gleicher Weise auch an allen Aramäern, die dabei brutal dezimiert wurden. Der Hinweis, daß sich Tausende von christlichen Frauen mit ihren Kindern in den Euphrat und den Tigris stürzten, um den wochen- und monatelangen Qualen zu entgehen, mag genügen. Allein im Gebiet Tur`Abdin fielen den Massakern und Verfolgungen zweidrittel der Bewohner zum Opfer. Einige von ihnen konnten sich vor allem in zwei befestigten Dörfern, in `Aynwardo, wo die Aramäer sogar die türkische Fahne beschlagnahmten (4), und in Hah, verteidigen. Im ersten Dorf dauerte der Kampf zwischen den Aramäern und den türkisch-kurdischen Truppen 60 und in dem letzten 45 Tage lang bis Ende Juli 1915 (5). Die noch heute lebenden Augenzeugen berichten, daß das Blut von Menschen wie durch die "Dachrinnen" auf die Straßen floß. Die Brunnen und Wasserzisternen waren voll von den Leichen der Frauen und Kinder. In den wahrscheinlich für sicher gehaltenen Kirchenräumen wurden Haufen von Menschen in Giftrauch und Feuer umgebracht. Diese grausamsten und perversesten Gewalttaten sind und werden immer in Erinnerung jedes Betroffenen bleiben. Daher hat das Jahr 1915 den Namen "Jahr des Schwertes" und "Jahr des Ferman" (des Mordbefehls) bekommen und als solches seinen Platz in der aramäischen Geschichte erhalten (6).

2. Die Aramäer heute und ihre Ausrottung im Tur`Abdin

2.1. Die Aramäer ohne kulturelle Freiheit

Die Aramäer, die aus den anderen Regionen das Massaker überlebten, versuchten dann zuletzt ihre Identität im Tur`Abdin zu bewahren. Dies dauerte aber nicht lange und war nur ein Traum. Alle Aramäer im Tur`Abdin leben heute in ständiger Angst um ihre Existenz: Die Religion, Kultur und Sprache werden durch die verhängten Maßnahmen verboten.

Obwohl die Alliierten die türkische Regierung in den Artikeln 37 und 45 des Lausanner Vertrages von 1923, der die Grenzen der Türkei festlegt, aufforderten, daß die "nicht-moslemischen Minderheiten" geschützt werden müssen, haben die Aramäer auch diesmal keine Garantie erlangt. In den Artikeln 40 und 41 heißt es weiter, daß die Türkei den Minderheiten ein Recht auf Beibehaltung eigener Schulen und Kirchen und auf staatliche Subventionen für diese Einrichtungen zugestehen sowie kulturelle Freiheit und freie Religionsausübung gestatten muß. Unter die "nicht-moslemischen Minderheiten" fallen nach türkischer Interpretation allerdings nur die Armenier, Griechen und Juden (7). Die Aramäer sind ausgeschlossen; daher wurde ihnen nicht der Status einer nationalen Minderheit zuerkannt. Schon 1924 wurde die Vereinheitlichung des Schulsystems in der Türkei gesetzlich eingeführt, damit war von vornherein ein Kontrollsystem über nicht-türkische Privatschulen geschaffen worden (8).

Im Laufe der Zeit hat die Regierung den aramäischen Sprachunterricht verboten, bestehende aramäische Schulen und Priesterseminare in Tur`Abdin 1929/1930 geschlossen. Der Nachwuchs der Kleriker und der Lehrkräfte ist stark zurückgegangen. Deswegen versuchte man, den Waisenkindern in einigen Klöstern wenigstens etwas über die Liturgie und über Gebete beizubringen. Auch dies ist gescheitert. Zuletzt forderte der türkische Kultusminister im Jahre 1978 den Bezirksgouverneur von Mardin auf, das Priesterseminar von Deyr-Za`faran, das als Quartier für Waisenkinder, die den Holocaust damals überlebt hatten, galt, zu schließen, weil dort wieder Nachwuchs der Priester oder Lehrer für die aramäische Bildung im Gang sein könnte und nach der türkischen Interpretation außerhalb der Existenz der oben genannten Minderheiten keine andere Volksgruppe im türkischen Staat anerkannt ist (9). Die Türen der Klassenräume sind bis heute sogar mit einem versiegelten Schloß versehen. Der Direktor, Abt Ibrahim Türker, sollte zu einem Jahr Freiheitstrafe verurteilt werden, wenn er sich nicht freigekauft hätte. Ebenso erging es dem Priesterseminar vom Kloster Mor Gabriel und anderen kirchlichen "geheimen" Dorfschulen, wo man Kindern das Beten beibringen wollte. Seitdem verpflichtete sich das Priesterseminar des Klosters Mor Gabriel, die Schüler in die türkische Schule in Midyat zu schicken, wo sie den Koran auswendig lernen müssen. Es dürfen auch keine anderen Schulen für Unterricht anderer Sprachen und anderer Religionen existieren. Die Türkei verbot außerdem aramäische Bücher, Zeitschriften, kulturelle Organisationen und die Volksbezeichnung "Aramäer". Nunmehr wurden die Aramäer als "Bergtürken" bezeichnet - somit nicht einmal als sprachliche Minderheit. 1934 ersetzte der Staat alle aramäischen Familien- und seit mehreren Jahrhunderten v. Chr. bewahrten Dorfnamen durch bedeutungslose türkische Namen. Aber er türkisiert auch viele Personennamen.

Der moderne türkische Staat ist in seinen theoretischen Grundlagen säkular und tolerant. Die Realität aber sieht anders aus. Der Einfluß des Islam, der das Verhalten der einzelnen Menschen bestimmt, ist auch im öffentlichen Leben unübersehbar. Ab 1948 führte die türkische Regierung überall in der Türkei den islamischen Religionsunterricht in den Schulen ein, benachteiligte und überging die christliche Religion. In Art. 24 der türkischen Verfassung von 1982 wurde festgelegt, daß alle christlichen Schüler am islamischen Religions- und Moralunterricht als Pflichtfach an den staatlichen Schulen teilnehmen müssen, in dem islamische Glaubensinhalte unterrichtet und zur Unterstützung nationaler Bildungsziele praktiziert werden (10). Die Religionslehrer wollen auch von ihrer Seite alle christlichen Schüler zur Annahme des Islam drängen. Der Staat gibt sich Mühe, andere Völker zu assimilieren. Im hintersten südöstlichen Hochland des Landes auf den Bergen, in den Schulen oder auf den Straßen werden Spruchbänder gezeigt, mit folgendem, vom kemalistischen Nationalismus geprägten Satz: "Ne mutlu Türküm diyene", "Wie glücklich ist, wer sagen kann: Ich bin Türke". Es werden alle Schüler, die Minderheiten angehören, jeden Morgen am Anfang des Unterrichts dazu gezwungen, sich als Türken zu bekennen. Wo gilt nun die Verpflichtung der Türkei zum Schutz und zur Garantie der Beibehaltung religiöser und kultureller Traditionen der "nicht-moslemischen Minderheiten"; in der Wirklichkeit oder auf dem staatlichen Papier in der Schublade?

Dem Recht auf Religionsfreiheit und dem Recht von Eltern, die religiöse Erziehung der Kinder selbst zu bestimmen, stehen rechtsbeugende Assimilationsbestrebungen entgegen. Dies widerspricht der von der Türkei unterzeichneten Europäischen Menschenrechts-konvention (11). Außer diesen offenen Verletzungen der Menschenrechte wurde 1985 der Verkauf von türkischen und fremdsprachigen Bibeln verboten, so bis zum Staatsbesuch des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker Ende Mai 1986. Verboten blieb ein Einzeldruck der Apostelgeschichte (12). Wo bleibt also die Religionsfreiheit für die Minderheiten? Was soll der Begriff Demokratie für die Türkei bedeuten?

2.2. Die Aramäer im türkischen Militärdienst

Der Militärdienst ist für die Christen nicht selbstverständlich gewesen. Bis zu Beginn der 40er Jahre mußten sie stattdessen Arbeitsdienst leisten, um nicht in den Besitz von Waffen zu gelangen, weil sie in den Augen der türkischen Regierung als Staatsfeinde und somit als Gottlose galten. Heute ist der Militärdienst für die Aramäer ein Leben im islamischen Ausland. Die meisten Aramäer leben dabei zum ersten Mal in einer türkischen und fremden Gesellschaft. Hier werden sie sowohl von den Offizieren als auch von ihren Mitsoldaten wegen ihrer schnell auffallenden christlichen Namen und ihrer auf den Ausweispapieren vermerkten Religionszugehörigkeit unterdrückt und diskriminiert. Als Militärdienstorte werden für sie meistens kältere und unangenehme Orte des Landes vorgesehen. Kein Christ kann trotz einer hochqualifizierten Ausbildung, die Moslems eine sehr gute Position im Militärdienst ermöglichen würde, Offizier werden. Laut Militärdienstordnung darf kein Christ eine höhere Position übernehmen, da er einerseits überhaupt als Verräter des Landes angesehen wird, andererseits nicht beschnitten ist. Die Beschneidung ist ein besonderes Merkmal in der islamischen Gesellschaft. Der nicht beschnittene Christ ist in den Augen der Türken unrein und ein "Gavur" (Gottloser). Beim Eintritt in die Militärkasernen werden die Christen sofort kontrolliert, ob sie tatsächlich nicht beschnitten sind. Falls nicht, versuchte man durch Folter, sie zu zwingen, sich beschneiden zu lassen, oder in extremen Fällen wurde die Beschneidung tatsächlich vollzogen. Die Christen können also keine Karriere machen, auch in den öffentlichen Staatsämtern, wie als Polizist, Richter usw. nicht, höchstens als Bürgermeister in einem Dorf oder einer Stadt, wo auch die Mehrheit der Bevölkerung christlich ist. Dort aber leben sie in ständiger Gefahr, erschossen zu werden (13). Auch vor Gericht haben sie wenig Chancen, einen Prozeß zu gewinnen (14).

2.3. Das Eigentum der Kirchen

Das garantierte Eigentum der Kirchen und Klöster wird als nicht erweiterungsfähig angesehen. Die Regierung hat 1956 bei einer Grundbuchrevision die Urkunden aller kircheneigenen Grundstücke für ungültig erklärt, so daß diese nunmehr als herrenloses Gut gelten. Nur herkömmliche Gemeinden oder Pfarrer der jeweiligen Kirchen können Grundstücke und Gelder für bestimmte Zwecke nutzen. Ist kein Pfarrer mehr vorhanden oder hat sich die Gemeinde aufgelöst, so fällt das Grundstück entschädigungslos dem Fiskus (türk. Vakif) zu (15). So verfahren wurde z.B. mit Geldern, Wohnhäusern und Grundstücken der Mutter-Gottes-Kirche in Diyarbakir und mit der durch ihre sehr alten Handschriften weltbekannten Bibliothek des Patriarchats der syrisch-orthodoxen Kirche in Mardin. Ein anderes Beispiel macht deutlich, daß die Regierung vor einigen Jahren den in der Kirche zu Midin aufgefundenen sehr alten Bibelkodex auf Pergament und die in einem Kloster in der Provinz S`eert entdeckten zahlreichen Handschriften beschlagnahmte (16). Die jeweilige Gesamtkirche darf keinen Anspruch auf das Eigentum der einzelnen Kirchen erheben. Beim Wegzug der Gemeindeglieder aus dem angestammten Dorf oder Stadtviertel ist niemand mehr für das alte Kirchengebäude zuständig. Im neuen Wohnviertel kann keine neue Gemeinde gegründet werden, "da die Neugründung von Vereinigungen mit religiöser Zielsetzung gemäß dem Laizismusprinzip verboten ist", so der ehemalige deutsche Generalkonsul Leuteritz in Istanbul (17).

2.4. Eine Bilanz der aramäischen Opfer in den letzten Jahren

Gerade seit Anfang der 80er Jahre werden die Aramäer systematisch verfolgt und dezimiert. Sie sind zwischen die Fronten von Kurden und Türken geraten. Das Ziel dieser Verfolgung ist kein anderes als die Vertreibung oder Vernichtung des aramäischen Volkes in der Türkei. Nach der Zeitschrift Mashrek International wurden 1980 geheime Beschlüsse vom islamischen internationalen Rat in der pakistanischen Stadt Lahore gefaßt, um bis zum Jahre 2000 alle Christen im Mittleren Osten zu vernichten. An dieser Konferenz nahm auch Kenan Evren, der ehemalige türkische Staatspräsident, teil (18). Das Ziel des islamischen Rates wird tatsächlich durch verschiedene staatliche und bürgerliche Maßnahmen in der Türkei durchgesetzt.

Seitdem die türkische Regierung die sogenannten kurdischen " Dorfwächter" als ihre paramilitärischen Einheiten und als Mordinstrumente auch für die Geheimorganisation des islamischen heiligen Krieges oder der Hisb-u-Allah ("Partei Gottes") aus der kurdischen Bevölkerung zum Einsatz gegen die PKK beauftragt hat, sind sie für die Aramäer eine potentielle Gefahr und mißbrauchen die ihnen zufallende Macht. Sie haben die Macht über Leben und Tod, sie schlagen, verhaften und erschießen jeden willkürlich. Die Organisation der Hisb-u-Allah verfolgt auch in erster Linie ideologische Ziele, nämlich eine "christenfreie Türkei". Mit Drohbriefen und öffentlichen Beleidigungen von Geistlichen fordern sie Aramäer ultimativ auf, das Land zu verlassen; falls sie es nicht tun, werden sie erschossen (19). Beim Kampf zwischen dem Militär und den kurdischen Dorfwächtern einerseits und der PKK andererseits, die in manchen Fällen Schutzgelderpressung verlangen, sind die Aramäer ihre "Zielscheibe" geworden. Diese Gruppierungen sind am Land der Aramäer interessiert und wollen die Dorfbewohner durch Erpressung zu Aufgabe und Flucht bewegen.

Die Bilanz der Opfer ist von Monat zu Monat gestiegen. Allein von 1990 bis Ende 1994 sind 30 Aramäer, acht davon im Jahre 1993 und drei im Jahre 1994, von kurdischen Dorfwächtern und von der PKK umgebracht worden. Die letzten Opfer waren intellektuelle Persönlichkeiten: Hanna Aydin, Bürgermeister von Hah, Yakub Mete, Stadtteil-Bürgermeister in Midyat, Sükrü Tutus, Oberbürgermeister der Stadt Azak und Dr. Edward Tanriverdi, der letzte aramäische Arzt in Midyat. Einige von den Umgebrachten sind familienweise in ihren Wohnungen kaltblütig von in ihren Dörfern lebenden Kurden erschossen worden. Darunter waren auch Frauen, Kinder, Blinde und Schwangere. Bei zwei Familien geschah dies, als die Killer von ihnen etwas zu Essen und zu Trinken bekamen. Einige wurden aber auch auf dem Weg nach Hause erschossen, als sie gerade den Gottesdienst besucht hatten. Die meisten von ihnen sind in den vollbeladenen Kleinbussen auf der Rückfahrt zu ihren aramäischen Dörfern erschossen worden. Der Rest von den Opfern wurde umgebracht, als ihre Autos auf Minen gerieten. Sie wurden nicht nur von den Kurden umgebracht, sondern auch von den Soldaten und der Polizei. Solche erneuten Tragödien von Mord, Plünderung und Diskriminierung erinnern die Aramäer fatal an den Völkermord von 1915.

3. Zusammenfassung

Im Rückblick auf den Anfang dieses Jahrhunderts hat das aramäische Volk viel unter den Osmanen oder Türken gelitten. Die Christen allgemein waren ihnen sozusagen ausgeliefert und dienten ihnen als Sklaven. Wenn man die Zeitraum von 80 Jahren betrachten würde, ist die Zahl der aramäischen Einwohner in der Türkei sehr stark reduziert: sie wurden massakriert und vertrieben. Aber auch ihre Kirchen wurden zerstört bzw. in Moscheen umgewandelt. Die Dörfer und Städte sind von ihren Urbewohnern entvölkert. Die Großstädte wie Adana, `Ayntab, Mar`as, Malatya (Militene) (20), Adiyaman, Urfa (Edessa) und Diyarbakir (Amid) mit ihren Dörfern sind von ihren aramäischen Urbewohnern entvölkert worden. Ein großer Teil der Edessaner wurden dann 1924 unmittelbar nach der Gründung der neuen Republik von den Türken nach Aleppo vertrieben, wo sie heute ein großes Stadtviertel (Hai as-Suryan) bilden. Heute denkt kein Mensch, - trotz einigen noch immer beibehaltenen aramäischen Namen - daß es in genannten Städten einmal Aramäer oder Christen gab. Die meisten oder fast alle aramäisch sprechenden Bewohner von Qamishli (Syrien) und von den umliegenden Orten wanderten aus dem Tur`Abdin und fanden Schutz unter dem französichen Mandat. Über die genaue Zahl der Aramäer im Tur`Abdin und anderen Regionen vor und nach dem Holocaust kann man nichts sagen. Gallo Shabo, der 1915 über das Massakar schrieb, berichtet, daß ungefähr 250.000 Aramäer im Tur`Abdin und in der Umgebung leben (21). Ebenso kann man auch nichts genaues über die Zahl der Umgebrachten angeben. Der Patriarch Ephrem Barsaum (damals Metropolit) hatte 1919 in London bei der britischen Regierung über den Völkermord an den Aramäern von 1914/15 bis 1918 protestiert und ihr folgende Statistik (22) der umgebrachten Aramäer (ohne OstAramäer!) und zerstörten Dörfer und Kirchen überreicht:

Diyarbakir: Dörfer 30, Familien 764, Personen 5379, Kirchen 5 und Geistliche 7; Silve: D 0, F 174, P 1195, K 5, G 1; Lice: D 10, F 658, F 4706, K 5, G 4; Derik: D 0, F 50, P 350, K 1, G 1; Siverek: D 30, F 897, P 5725, K 12, G 12. Virensehir: D 16, F 303, P 1928, K 1, G 0; Urfa: D 0, F 50, P 340, K 1, G 0; Bitlis: D 12, F 130, F 850, K 1, G 0; S`eert: D 0, F 100, F 650, K 1, G 2; Sarvan: D 9, F 283, P 1870, K 4, G 4; Garzan: D 22, F 744, P 5140, K 12, G 9; Biseri: D 30, F 718, P 4481, K 1, G 1; Pirvet: D 15, F 282, P 1880, K 1, G 1; Mardin: D 8, F 880, P 5815, K 12, G 5; Savur: D 7, F 880, P 6165, K 2, G 3; Nusaybin: D 50, F 1000, P 7000, K 12, G 25; Cizre: D26, F 994, P 7510, K 13, G 8; Kerboran: D 24, F 508, P 3500, K 5, G 2; Midyat: D 47, F 3935, P 25830, K 60, G 60. Summe: Dörfer 346, Familien 13350, Personen 90.313, Kirchen 156 und Geistliche 154.

Die Zahl der im Tur`Abdin und Umgebung lebenden Familien in den Jahren 1915, 1981, 1994 (23)

Nusaybin: 200, 0; Helva 40, 0; Doger 50, 0; Mharken 15, 20, ?; Hvetle 20, 10, ?; Girkesamo 35, 0; Selhumiye 50, 3, ?; Tilhatun 50, 0; Gidahol 10, 0; Girseren 20, 2, ?; Bayaze 50, 0; Leylan 15, 0; Hazna 15, 0; Seruc 30, 0; Girsafe 40, 0; Grebiye 16, 0; Kanak 50, 0; Kavali 18, 0; Bazar 10, 0; Tilhasan 15, 0; Tilcihan 15, 3, ?; Gremira 70, 21, 0; Tilminar 10, 0; Tilakup 10, 0; Gündük(sükrü) 50, 70, 9; Tilsihir 10, 0; M´are 50, 0; Midyat 1400, 400, 110; Arbo 50, 24, 0; Harabale 70, 88, 49; Kafro tahtoyto 30, 23, 5; Habab 40, 12, 0; Badibe 40, 9, 0; Sederi 10, 15, 1; Harabemiske 10, 28, 0; Salah 40, 15, 2; Enhil ?, 135, 8; Hapsis 100, 33, 1; Arnas 70, 28, 0; Mzizah 70, 56, 8; Kaferze 160, 42, 15; Aynwardo 200, 93, 8; Bote 300, 21, 0; Kafro eloyto 80, 52, 1; Yardo 70, 27, 1; Binkelbe 30, 0, 0; Kafarbe 40, 15, 0; Deyrulumur (Personen) 33, ?, 73; Hah 100, 52, 20; Bakisyan 130, 63, 15; Estrako 20, 0, 0; Deyrkube 10, 4, 2; Seherken 20, 0; Bsorino/Sare 200, 63/15, 24/1; Midin 500, 109, 62; Temerze 20, 0; Zinavrah 20, 0; Betishok 20, 0; Hedel 20, 0; Kafshine 25, 0; Garise 10, 0; Zaz 200, 53, 0; Dyrsalib 70, 11, 6; Arbaye 30, 0; Ahlah 4, 0; Kerburan 500 , 0; Miste 40, 0; Celik 10, 0; Zengan 30, 0; Gercus 30, 0; Hasinkef 100, 0; Düfne 40, 0; Armun 10, 0; Marvaniye 10, 0; Barlat 10, 0; Balane 5, 0; Derheb 1, 0; Beglit 4, 0; Sufrianasa 1, 0; Idil ?, 120, 20; Cizre ?, 0; Espis 300, 0; Aynseri 60, 0; Babaka 60, 0; Emire 250, 0; Ceriha 20, 0; Handak [eloyto]fokani 50, 0; Handak [tahtoyto]tahtani ?, 0; Tilbel und Dike 200, 0; Hanaviye und Mirazer ?, 0; Kevkep ?, 0. Summe: 1915: 6937, 1981: 1749; 1994: 399 Familien.

Seit 1980 sind 18 Dörfer der aramäischen Urbewohner nur im Tur`Abdin (ohne Bohtan) total entvölkert worden. Die letzten Dörfer im Jahre 1993 waren Zaz, nachdem dessen Bürgermeister mit ein paar Männern und Frauen von den Soldaten gefangen genommen und gefoltert worden war und das Dorf Hassana (Bohtan), von dem alle übrig gebliebenen 197 Aramäer im November 1993 vom Militär vertrieben wurden. Einige von den bereits entvölkerten aramäischen Dörfern und ihren Kirchen sowie Friedhöfe sind mittlerweile von den türkischen Soldaten und kurdischen Dorfwächtern zerstört worden (24).

Anschließend kann man aufgrund der genannten Daten feststellen, daß von 1915 bis 1981 75% und von 1981 bis 1994 77% der syrisch-aramäischen Christen aus ihrer Ursprungsheimat verschwunden und in die Diaspora nach Europa, Australien und in die USA geflohen sind. Tur`Abdin, das Kerngebiet des Christentums und des Aramäischen, der Muttersprache Jesu und der Apostel und wo es vor 80 Jahren sieben Diözesen gab, hat heute nur noch einen Bischof, ca. zehn Mönche und 15 Nonnen in vier Klöstern und 2662 (mit Mardin) oder 13898 Personen (in der Türkei) (25) in 23 Dörfern (Tur`Abdin) oder 36 in allen Orten in der Türkei (26).

Wie können die Aramäer zwischen den Fronten der Türken und Kurden ihr Leben schützen? Wie und mit welchen Methoden kann das aramäische Volk seine aramäische Sprache, Kultur und Identität bewahren? Oder wie und wo können die Jugendlichen ihre Zukunft sichern? Wenn auf diese Fragen keine Antwort gefunden wird, könnte es geschehen, daß einmal auch die noch übriggebliebenen aramäischen Dörfer und Städte von Tur`Abdin, Tur Izlo und Umgebung als Heimat der Aramäer vergessen sein werden.

Ein Ausspruch des Justizministers Mehmet Esat von 1938 zeigt hier deutlich und ohne Zweifel den Grund ihrer Verfolgung: "Dieses Land ist ein Land der Türken. Wer nicht rein türkischer Herkunft ist, hat in diesem Land nur ein einziges Recht: das Recht Diener zu werden, das Recht Sklave zu sein" (27). Zeigt sich hierin die Demokratisierung des türkischen Staates und dessen Achtung der Menschenrechte?

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Anmerkungen

* Diese Arbeit ist die leicht überarbeitete, ergänzte und aktualisierte Fassung des zweiten Teils eines Vortrags, den ich an den folgenden Orten gehalten habe: am 23.03.1990 im Gabrieli-Gymnasium in Eichstätt; am 24.02.1992 im Evan-gelischen Bildungswerk in Ingolstadt; am 25.05.1993 in der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) und am 08.11.1993 im Theologischen Stift in Göttingen; am 10.12.1993 bei der Arbeitsgemeinschaft St. Basilius d. Gr. für ostkirchliche Kontakte der Diözese Hildesheim in Hannover und am 19.05.1995 in der „Brücke-Köprü“- Begegnungs-stube für Christen und Muslime in Nürnberg. Sie wurde mit beiden Teilen veröffentlicht unter dem Titel Kristne i Tyrkiet in dänischer Sprache in der Zeitschrift Tidehverv, Bd. 69, Nr. 4, April 1995 (Ribe/Dänemark), 75-79.
(1) Ohne Zweifel kann man es wohl sehr deutlich mit der Arbeit und Bewegung der Wohlfartspartei (refah partisi) unter dem Parteivorsitzenden Erbakan vergleichen.
(2) Kuster, R.,/ Köppel, H.U., Die syrisch-orthodoxe Kirche, in: EAÖS 8, Bern 1989, 34.
(3) G. Yonan, Assyrer heute, Kultur, Sprache, Nationalbewegung der aramäisch sprechenden Christen im Nahen Osten, Hamburg 1976, 16.
(4) Vgl. Aydin, Hanna, Die syrisch-orthodoxe Kirche von Antiochien, Kloster Mor Ephrem, Glane/Losser 1990, 114 f.
(5) Nach Angaben des damals neunjährigen Augenzeuges Aziz be-Xaco, der heute als Flüchtling in Wien lebt. Viele Aramäer aus den umliegenden Dörfern versuchten, in der alten Schloßfestung von Hah, genannt „qusro“, ihr Leben zu retten. Bei manchen ist es leider gescheitert, z.B. 365/6 Dorfbewohner von Zaz wurden von ihren moslemischen Nach-barn, die ihnen eine Rettungshilfe zugesichert hatten, auf dem Weg nach Hah kaltblütig erschossen und in eine große Zisterne (syr. hauto) geworfen.
Derjenige, der wahrscheinlich den Waffenstill-stand in beiden Dörfern aber auch dann im ganzen Tur`Abdin brachte, war Sheick Fathullah von `Aynkaf (gest. 1948), möglicherweise ein Nachkomme von den im 16. Jahrhundert zum Islam konver-tierten mhalmoye Aramäern. Er war ein Gegner des Völker-mordes an den Aramäern und ver-urteilte dieses Verbrechens durch die kurdisch-türkischen Truppen. Ihm und dem in Mzizah niedergelassenen Çelebi Agha von Haferken, der den Aramäern beigestanden hat, ist man besonderen Dank schuldig. (Vgl. Farman, 144 f, 153 ff.)
(6) Mehr zum Völkermord an den Aramäern siehe: H. Suleyman Henno, Gunhe d-suryoye d-tur`abdin,  Schicksal[s]schläge der syrischen Christen im Tur`Abdin 1915, Kloster Mor Ephrem der Syrer, Glane 1987, [Text syrisch]; ders., Farman, [türkische Übersetzung]; ders., Seyfe, [Text syrisch]. Zum Völkermord an den Armeniern: Tessa Hofmann (Hrsg.), Der Völkermord an den Armeniern vor Gericht, der Prozeß Talaat Pascha,  = Reihe Pogrom 1006, Göttingen 31985; ders., Das Verbrechen des Schweigens, die Verhandlung des türkischen Völkermords an den Armeniern vor dem Ständigen Tribunal der Völker, = Reihe Pogrom 1012, Göttingen 1985; ders., (Hrsg.,), Armenien - Völkermord, Ver-treibung, Exil, = Pogrom Themen 1, Göttingen 1987.
(7) Vgl. epd. Dokumentation 49/79, 58.
(8) Vgl. Yonan, G., in: Pogrom Nr. 64, 41.
(9) Vgl. Auch jetzt griffen sie die Aramäer, unsere Staatsbürger, in: Hürriyet, 28.9.1978, 1: 8.
(10) Vgl. Anayasa - 1982 Türkiye Cumhuriyeti Anayasasi, Alkim Verlag, 24f.
(11) Vgl. Hengsbach, F., Vorsitzender der Kommission des Weltkirchenrats des DBK, in: Kolo Süryoyo, Nr. 65, 1989, 19.
(12) Vgl. Leuteritz, Karl, Die christliche  Minderheiten in der Türkei - rechtlicher Status und tatsächliche Lage, in: Hi-storisch-archäologischer Freundeskreis e.V., Rundbrief, Berlin 1991, 20.
(13) Man denke an den Fall der Bürgermeister Michael Bayru von Azag, Circis Yüksel von Kelleth und an den von Bnebil.
(14) Die Angehörigen der Erschossenen der Familie Görgen aus Midyat, Bulut aus Anhil und Aykil aus `Arnas haben ihren Gerichtsprozeß verloren. Ja, noch vor Gericht drohten die Angeklagten damit, auch die für ihre Anklage verant-wortlichen Christen zu erschießen, ohne daß die Richter auf diese Drohungen reagierten. Vielmehr endete das Verfah-ren mit einem  Freispruch für die Täter. Später bedrohten sie in Fußgän-gerzonen in Midyat und Umgebung alle Aramäer mit Pogromen und Mord: "...wenn ihr nicht von hier verschwindet". (Vgl. Sh. Yonan, in: Pogrom 155, 1990, 48f).
(15) Vgl. Leuteritz, K., a.a.O., 23.
(16) Vgl. Hürriyet, 28. 9. 1978, 1, Fotos 8.
(17) Leuteritz, K., a.a.O., 21.
(18) Vgl. Mashrek International, Nr. 9, Dez. 1984, London; Ikibine dogru, Nr. 8, Januar 1989, Istanbul, 38.
(19) Der Drohbrief wurde veröffentlicht in der syrischen Zeitschrift "Hujada", Nr. 173, November 1993, Söder-tälje/Schweden,  33.
(20) In der Stadt gab es im 13. Jahrhundert ca. 60.000 syrische Einwohner und 56 Kirchen, vgl. Dulabani, Ph.H., Die Patriarchen der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien, Kloster Mor Ephrem der Syrer; Glane/Losser 1990, 137.
(21) Vgl. Gallo Sabo, in: Seyfe, das Christen-Massaker in der Türkei von 1714-1914, Hengelo 1981, 32.
(22) Farman, 15.
(23) Von 1915: Farman, 177 ff; 1981: Gültan, Isa, in KSyr, Nr. 19, 1981; 1994: Reisebericht über die Lage der Aramäer in Tur`Abdin (Juni 1994), Manuskript von ADO
(24) Vgl. Türkisches Militär zerstört das alte syrische Dorf Bote (türk. Bardakci), Flugblatt der ADO von 25. August 1993,.
(25) Vgl. Eilers, Ralf, Leichte Beute - Assyrer in der Südosttürkei, in: Pogrom, Nr. 170, April/Mai 1993, (Göttingen), 15-18, 15.
(26) Reisebericht über die Lage der Aramäer in Tur`Abdin (Juni 1994), Manuskript der ADO.
(27) Gestrein, H., Volk ohne Anwalt, Die Kurden Frage im Mittleren Osten, Freiburg 1974, 42.


Web Master: Gabriel Rabo
Published in: Kolo Suryoyo 105, (Sept.-Okt. 1995), 161-169
Updated: 11.10.2000
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