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Das Gebet in der Syrisch-Orthodoxen Kirche

Mor Ignatius Aphrem I. Barsaum ( 1957)
Patriarch von Antiochien und dem ganzen Osten und
Oberhaupt der Syrisch-Orthodoxen Kirche

 

1. Das Gebet und was es vermag

 

Das Beten ist die Entsendung unseres Geistes zu Gott. Dabei sprechen wir geistlich zu Gott. Wir beten ihn damit an, danken ihm und breiten unsere Wünsche und Bedürfnisse offen vor ihm aus.

Es ist ein unabdingbares Gebot, ja es ist von allen Pflichten, die der Mensch zu erfüllen hat, die segensreichste. Auf diese Pflicht werden wir durch unsere Intuition hingeführt. Sie bewirkt durch das Gebet, Gott, gelobt sei sein Name, nahe zu sein.

Hinzukommt, dass er uns das Gebet durch die Kinder Israels lehren ließ und es uns als Pflicht auferlegte. Er lehrte die Israeliten an der Grundschule der Propheten die Grundzüge des Betens. Als die Zeit reif war, sandte er seinen geliebten Sohn als göttlichen Lehrer, der der Welt das vollkommene Gesetz und die wahre Anbetung lehrte.

Die Wirkung des Gebetes ist groß, wie der Apostel sagt:"... Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten." (Jak 5,16) Besonders viel bewirkt das inständige Gebet der von Gott geistlich begnadeten Ältesten, die göttliche Gaben empfingen und wunderbare Visionen schauen durften. Ihre wunderbaren Aussagen und Mitteilungen versetzen uns in Staunen. Diese Aussagen und Überlieferungen konnten nur durch Fleiß, der ihnen ihre ganze Kraft abverlangte, erreicht werden.

Johannes Dalyote sagte: "Wer die Lieblichkeit des Herrn kosten will, der befleißige sich, sich dem Gebet hinzugeben, das die Menschen näher zu Gott hinführt, als alle anderen geistlichen Taten es vermögen. Durch das Beten pflegt der menschliche Geist mit Gott Gemeinschaft. Der Geist wird ihm ähnlich und empfängt seine göttlichen Gaben. Er wird zur Quelle seiner Geheimnisse und Gott öffnet uns seine Schatzkammern und verteilt seine Schätze an uns Betende. Durch das Beten wird der Mensch würdig, die Herrlichkeit Gottes zu sehen und in seinem glorreichen Licht, in dem die Engel sich bewegen, zu wandeln. So wird er von der Stille und dem Staunen überwältigt werden; er wird von der Helligkeit des auf ihn herabstrahlenden göttlichen Lichtes geblendet. Dies wird im Leben geistlicher Männer ihr höchster Genuss sein.

Der Vorzug des Gebetes allen anderen Tugenden gegenüber liegt darin begründet, dass diese erst durch das Gebet ihre Wirkung voll entfalten können. Seine Gnadengaben sind unzählig; denn diejenigen, die mit den Weisen und Philosophen Umgang pflegen, lernen von ihnen. Wieviel mehr gilt dies dann für denjenigen, der Gott, den Herrn der Weisen und der Weisheit und den Schöpfer des Wissens und der Gelehrten anredet.

Lasst uns Mose über den Wert des Betens befragen. Er antwortet: "Das Beten rettete das Volk Gottes vor zahlreichen Feinden; das Beten bescherte dem Volk in vielen Kriegen die Palme des Sieges, und die Gnade Gottes kam über das Volk. Es ist eine Waffe, vor der sämtliche Kriegswaffen machtlos sind."

War es nicht das Beten, das das brennende Feuer den drei Jünglingen im babylonischen Feuerofen das Leben rettete? (Dan 3,26-45)

War es nicht das Beten, das die Rachen der Löwen in der Löwengrube schloss? Es heißt bei Daniel: "Mein Gott hat seinen Engel gesandt und den Rachen der Löwen verschlossen ..." (Dan 6,23)

War es nicht das Beten, das das Leben Ezechiels 15 Jahre verlängerte und ihm zum Sieg über seine Feinde verhalf?

Bekam nicht Hanna, die Unfruchtbare, durch Beten ihren auserwählten Sohn Samuel, der ohne gleichen war?

War es nicht das Beten, das David die Palme des Sieges in seinen häufig geführten Kriegen erringen ließ?

War es nicht das Beten, das die Einwohner der Stadt Ninive vom Zorn Gottes rettete?

War es nicht das Beten, das dem Priester Zacharias seinen einzigen Sohn gab, von dem Jesus sagte: „Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes" (Mt 11,11)

Öffnete nicht das Beten die Gefängnistore für Paulos? (Apg 16,25.26)

Ließ nicht das Licht des Glaubens Kornelius erfüllen? (Apg 10,2-4)

Was soll man vom glücklichen Paulos erzählen, der während der Missionierung der heidnischen Völker das Verlangen nach einem ständigen Beten nicht stillen konnte. Weil er von der großen Wirkung des Betens überzeugt war, ermahnte er immer wieder zum Gebet.

Das gleiche kann von den Aposteln, Predigern, Märtyrern, Bekennern, Führern, Lehrern, Mönchen, Einsiedlern und allen heiligen Vätern gesagt werden.

Fortwährend waren sie im Gebet; denn es war ihr ersehntes Ziel. Mit dem Beten erleuchteten und bekehrten sie die Welt.

Welche Arbeit ist also gerechter, nützlicher, ehrlicher und weiser als diese lobenswerte Arbeit des Betens? Einer der Heiligen sagte:

"Das Beten sind die Flügel, mit denen wir zu Gott fliegen. Es ist:

- eine Leiter, auf der wir zum Himmel emporsteigen,

- ein Zwiegespräch mit Gott, an dem wir uns gemeinsam mit den Engeln beteiligen,

- eine Hoffnung, die nie enttäuscht wird,

- ein Schatz, der nicht gestohlen wird und den weder Motten noch Rost zerstören,

- ein Meer, das nicht austrocknet,

- ein Baum, der nicht vertrocknet und

- ein Handel, der keinen Verlust einbringt."

Es ist die Quelle der Gerechtigkeit und der Ursprung der Tugenden.

Es ist die Stütze für einen festen Glauben, der zu guten Taten verhilft.

Selig sind, die das Gebet zu ihrem ständigen Begleiter bei Tag und Nacht gemacht haben, denn im Gebet empfindet man Glück und Freude und erlebt Gnade, die nur von den erfahrenen Betern wahrgenommen wird."

Nun bete, o Christ, denn es ist das Fundament für eine erfolgreiche Arbeit sowie die Pforte und der Schlüssel zum Himmel. Gepriesen sei Gott, der unsere Gebete erhört und unsere Bitten erfüllt.

2. Die Notwendigkeit des Betens

Die Bedeutung des Betens wird durch die Bücher des Alten und Neuen Testamentes belegt. Außerdem beweisen die Biographien der Gottesmänner, deren Lichter uns den rechten Weg weisen und deren Beispiel wir folgen, dass das Gebet in allen Lebenslagen eine wichtige Hilfe ist.

Im Alten Testament ist zu lesen:

"Du sollst den Herrn, deinen Gott, fürchten. Ihm sollst du dienen, an ihm sollst du dich festhalten..." (Deut 6,13;10,20)

"Lobet, ihr Knechte des Herrn, lobet den Namen des Herrn!" (Ps 113,1)

"Wohl denen, die wohnen in deinem Hause, die dich allezeit loben." (Ps 84,5)

"Du erhörst die Gebete. Alle Menschen kommen zu dir." (Ps 65,3)

Im Neuen Testament ist zu lesen:

"Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet..." (Mt 26,41)

Beachte auch das Beispiel des gottlosen Richters! (Lk 18,2)

"Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet." (Röm ö 2,12)

"Jesus sagte ihnen in einem Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten."

"Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen." (Eph 6,18)

"Lasst nicht nach im Beten; seid dabei wachsam und dankbar!" (Kol 4,2)

"Betet ohne Unterlass” (1Thes 5,17)

So lag das Beten und Anbeten Gottes den Gottesmännern in beiden Testamenten am Herzen. Es wird im Buch der Genesis erwähnt, dass Abraham dem Herrn einen Altar baute.(Gen 12, 8),. Ebenso tat es Isaak und Jakob. (Gen 26,25)

Von Mose lesen wir: "Ich warf mich also vor dem Herrn nieder ...Ich betete zum Herrn und sagte: ..." (Deut 9,25.26)

Hanna, die Mutter Samuels, betete zu Gott  und weinte bitterlich.

Jona betete im Leib des Fisches zu Gott. (Jon 2,2)

Daniel betete dreimal am Tage: "... Dort kniete er dreimal am Tag nieder und ..." (Dan 6,11)

Des weiteren sind zu erwähnen: das Gebet Ezechiels (Jes 37) und das Gebet Salomos (2Chr 6).

Die berühmten Psalmen des großen Königs und Propheten David bezeugen seine Anbetung zu Gott seit seiner Jugend.

Hanna, die Prophetin, diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. (Lk 2,37)

Es wird von den Aposteln, Maria, der Mutter Jesu, den Brüdern und den übrigen heiligen Frauen erzählt, dass sie stets beieinander einmütig im Gebet waren: (Apg 1,14; 2, 46)

Hinzu kommt, dass Jesus, erhaben sei sein Name, den Weg der göttlichen Anbetung einführte, uns das Gebet vorschrieb und uns lehrte, wie man betet und sich dem Gebet hingibt. Er hat uns die Früchte des Gebetes gezeigt; er selbst praktizierte es, um uns ein Beispiel zu geben, wie in verschiedenen Stellen des heiligen Evangeliums erwähnt wird.

Darüber sagte Mor Jakob, der Gelehrte von Serug: "Wenn der, der die Gebete hört und erhört, selbst betete, wie sollte man dann nicht beten? Wenn der, der des Gebetes nicht bedarf, leidenschaftlich an unserer Statt betete, wie wird es dann dem ergehen, der des Gebetes bedarf und nicht betet? Fasse Mut, o Beter, und sei nicht träge; denn das Gebet des Sohnes Gottes ist für Dich gebetet worden. Verbinde dein Gebet mit seinem Gebet. Er wird dein Gebet schon wegen seines Gebetes erhören.“

Diesem Vorbild folgten die Apostel, die ersten Gläubigen, die Nachkommen der Apostel, die Heiligen und die Gläubigen der ganzen Welt.

Mor Aphrem, der Gelehrte, sagt: "Betet Tag und Nacht. Wer das Gebet liebt, dem wird in beiden Welten geholfen werden. Verharrt ständig im Gebet. Denn der Bauer, der sein Feld regelmäßig umpflügt, der steigert den Ertrag seiner Ernte. Seid nicht wie die Müßiggänger, in deren Feldern die Dornen wachsen.“

Nachdem wir die Notwendigkeit und die Bedeutung des Betens verstanden haben, sollten wir uns nicht der Illusion hingeben, das Beten sei nur in Zeiten der Not angebracht. Da das Beten für die Seele Nahrung ist wie das Essen und Trinken für den Körper, muss ständig gebetet werden. Es muss auch deswegen ständig gebetet werden, weil der Mensch sich fortwährend in seelischen oder körperlichen Nöten befindet. Der Mensch ist unablässig irgendwelchen Versuchungen ausgesetzt, oder er lebt in der Gefahr, große Sünden zu begehen. Das Gebet ist ein schönes Schiff, mit dem das Meer der Versuchungen befahren wird, um in den schützenden Hafen zu gelangen.

Vorausgesetzt, der Mensch ist zuweilen frei von körperlichen Leiden und weltlichen Ängsten, ist er dann auch frei von den seelischen Belastungen und psychischem Druck, die der Feind immer wieder erneut schürt? Auch der Apostel warnt uns davor: "Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann." (1Petr 5,8)

Gesetzt den Fall, der Mensch lebt eine Zeitlang, ohne dass ihm körperliche oder seelische Leiden jedweder Art zugestoßen sind, so muss er daher achtsam sein, dass ihn nicht solche ereilen.

Gerade das ist es, was der Herr Jesus Christus uns mit seinen Worten: "Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet ...", (Mt 26,41) sagen wollte.

Wenn sich jemand im Zustand der Gnade befindet, dann bittet er darum, in diesem Zustand zu verbleiben.

Wenn jemand meint, Gott ist allwissend, und er weiß schon im voraus, um was wir ihn bitten werden, so gibt er uns, ohne von uns etwas zu verlangen. Trotzdem müssen wir unsere Anliegen vor ihn bringen und ihm danken für seine Gnade an uns, damit wir nicht werden wie die nicht sprechenden Kreaturen.

Seine Weisheit erfordert, dass er unsere Anliegen nicht erfüllt, ohne dass wir ihn um deren Erfüllung bitten, damit er uns die Größe seiner Gnade zeigt. Wir nehmen sie dann mit der ihr gebührenden Dankbarkeit an, ohne sie zu verachten.

Deshalb ermahnt er uns eindringlich, zu bitten, um zu bekommen, beharrlich zu suchen, um zu finden, entschlossen an das Tor der Barmherzigkeit anzuklopfen, damit uns geöffnet werden möge: (Mt 7,7; Luk 11,9; Joh 16,24) Wir setzen noch hinzu, dass der Mensch drei Feinde hat. Es sind dies:

Der Teufel, der Leib und die Welt. Um diesen Feinden zu begegnen, gibt es auch drei Waffen:

Das Gebet gegen den Teufel, das Fasten gegen den Leib und das Geben von Almosen gegen das Festhalten an weltlichen Dingen.

Dementsprechend hat der Mensch auch drei Pflichten: gegenüber Gott, gegenüber sich selbst und gegenüber seinem Nächsten zu erfüllen. Mit dem Beten genügt er der Pflicht Gott gegenüber, mit dem Fasten genügt er der Pflicht sich selbst gegenüber und mit dem Geben von Almosen genügt er der Pflicht seinem Nächsten gegenüber. "Es ist gut, zu beten und zu fasten, barmherzig und gerecht zu sein..." (Tob 12,9).

3. Die Arten des Gebetes und ihre Einteilung

Es gibt zwei Arten des Betens: Das kontemplative und das gesprochene Gebet.

Das kontemplativ meditative Gebet ist eine geistige Betrachtung, ein Nachsinnen mit dem Geist und dem Herzen ohne es auszusprechen.

Das gesprochene Gebet ist das wörtlich formulierte geistliche Empfinden des Herzens. Es teilt sich in drei Teile: Lobpreis, Danksagung und Bitten, die alle in den Psalmen enthalten sind, die der Heilige Geist David inspiriert hat. Sie stellen die idealste Form des Gebetes dar.

Wenn wir mit unserem geistigen Auge das Meer der Erhabenheit Gottes betrachten und über seine wunderschönen Schöpfungen, über seine großen Taten im Himmel und auf Erden nachsinnen, müssen wir ungewollt den weisen Schöpfer lobpreisen, verherrlichen und mit dem Propheten sagen: "Herr, wie zahlreich sind deine Werke! Mit Weisheit hast du sie alle gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen." (Ps 104,24)

Wenn den nicht sprechenden Kreaturen befohlen worden ist, ihren Schöpfer zu lobpreisen, wieviel mehr sollte der sprechende Mensch ihn ohne Unterlass lobpreisen, besonders dann:

- wenn wir über die Güte Gottes, die unendlich ist, nachdenken, mit der er uns zu einem ehrbaren Bild und einer schönen Gestalt aus dem Nichts erschaffen hat und mit der er uns höher gestellt hat als die Tiere mit einer vernunftbegabten Seele wie die Engel,

- wenn er, geheiligt sei sein Name, uns solange umsorgt, wie wir noch am Leben sind, und langmütig ist, wenn wir fortwährend ihm gegenüber sündigen und

- wenn wir über die Gnade der göttlichen Vergebung, die er uns durch die Gnade der Erlösung zuteil werden ließ, nachdenken. Wer kann seine unbeschreibliche Größe schon erfassen? Wer lobpreist seine göttliche Barmherzigkeit und dankt ihm nicht? Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig. (Ps 118, 1)

Da er unser Vater und Gott ist, richten wir unsere Anliegen an ihn in seiner Güte. Wir bitten ihn um die Gnade der Erfüllung unserer körperlichen und seelischen Anliegen und um die Errettung aus Bedrängnis und Gefahr. Wir bitten ihn weiter, dass er uns die Reinheit der Seele sowie die Keuschheit des Körpers schenkt. Weiterhin erbitten wir von ihm die Vergebung unserer Sünden und die Festigung im rechten Glauben. Auch erbitten wir, er möge uns lehren, stets das Rechte zu tun.

Außerdem bitten wir Gott darum, dass er seine göttliche Liebe in unsere Herzen einpflanzen und uns helfen möge, auf den Pfaden der Tugend zu wandeln. Denn wer von uns bedarf nicht dieser besonderen Hilfe? Wer von uns sehnt sich nicht danach, wie der Sohn Jesses das folgende Gebet zu sprechen: "Entsündige mich mit Ysop, dann werde ich rein ..." (Ps 51,9)

Dann bitten wir ihn, dass sich seine Herrschaft über das ganze Erdreich ausbreiten möge, er Besitz ergreife von allen Menschen, dass er Friede und Eintracht zwischen den Kirchen stifte, damit der rechte orthodoxe Glaube in ihnen Einzug halten kann, und dass er der Welt Frieden und Sicherheit bringt, damit wir ein Leben in Glückseligkeit führen können.

4. Die Andacht im Gebet

Da das Gebet eine Zwiesprache zwischen Gott, dem Erhabenen, und uns Menschen ist, verlangt es, Geist und Sinne zu sammeln, um über Gott zu meditieren und ihn unmittelbar anzureden.

Wenn es Mose nicht erlaubt wurde, sich dem Dornbusch zu nahen, ohne sich seiner Schuhe zu entledigen, wie kann dann ein Mensch Gott, der über jeden Geist und Sinn erhaben ist, anreden, ohne zuvor jeden leichtsinnigen und unwürdigen Gedanken von sich abgelegt zu haben? Die Konzentration des Geistes ist nicht einfach. Sie geschieht nur nach langer, harter Arbeit und Mühe und im Ausharren in der geistlichen Anbetung.

Niemand kann sich dem inbrünstigen Gebet hingeben, wenn er nicht fortwährend Gott mit reinem Herzen gegenübertreten kann.

Fehlt uns all das, dürfen wir trotzdem das Beten nicht unterlassen, bis wir reine Gedanken haben, sonst würde das bedeuten: ohne Mühe zur Vollkommenheit gelangen zu wollen. Vielmehr sollen wir beten, wie es aus unseren Herzen heraussprudelt und unsere Gedanken vor Gott, dem Barmherzigen, ausbreiten. Gott, gepriesen sei sein Name, weist uns in seiner Barmherzigkeit den rechten Weg und dirigiert uns nach seinem Willen. Vorausgesetzt, dass unsere Absichten rein sind, und dass wir den starken Wunsch verspüren, unseren Geist, sofern wir dazu in der Lage sind, zu sammeln und alle Gründe - seien sie innerliche oder äußerliche -, die uns zu Leichtsinnigkeiten verleiten können, zu vermeiden. Lasst uns dem Rat Makarios' folgen, der sagt: "Ist dein Beten nicht andächtig, so gib dir Mühe, die leiblichen Übungen im Gebet zu verrichten; alsdann wird das geistliche Beten im Laufe der Zeit wachsen."

Der im Beten  Erfahrene weiß, dass es am Anfang schwer ist, sich zu konzentrieren. Wenn er sich aber der Übung im Gebet befleißigt, wird es ihm leicht fallen.

Ganz besonders wenn der Beter die Köstlichkeit des Gebetes erfahren hat, entflieht er allem Irdischen und gibt sich allein der Liebe Gottes hin, indem er vom Staunen über die Erhabenheit Gottes ergriffen wird, wie dies bei erfahrenen Betern der Fall ist.

Isaak sagte: „Das Gebet ist nicht Erkenntnis und klarer Ausdruck, sondern eine Lehre des Geistes.„

Der greise Isaak sagte: "Beten ist nicht Wissen und das Sprechen gut formulierter Sätze, sondern ein befreiter Geist und Intellekt sowie das Anhalten aller Betriebsamkeit des Körpers und der Sinne.“

Er sagte auch: "Das reine Beten ist eine Konzentration des Geistes, Frieden im Herzen, Ruhe des Gewissens und Stille der Gedanken, besinnliches Betrachten der neuen Welt, verborgener Trost und eine Unterredung mit Gott."

Vater Ogris lehrt, wie man von der Zerstreutheit zur Konzentriertheit kommt:

Indem er sagt: „Bemühe dich, dass deine Gedanken zur Ruhe kommen, erst dann wirst du beten können.“

Mor Jakob sagte: "O du Auserwählter, wenn du die Glocken läuten hörst, mach dich auf den Weg, um zu beten, sammle deine Gedanken, lass sie nicht zerstreut sein; denn es ist unwürdig, während du in der Kirche weilst und dein Geist über dem Markt schwebt. Die eine Hälfte von dir ist hier und die andere Hälfte ist dort. Sei als Ganzes in der Kirche und bete zu Gott mit reinem Gebetsanliegen und erbitte von ihm Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit; denn er ist gütig und barmherzig und erhört die Gebete derer, die ihn mit Gottesfurcht anbeten.“

Der heilige Mor Aphrem sagte: "Wenn du dich im Gebet befindest, sammle deine Gedanken und ordne sie in deinem Herzen; lass deinen Körper nicht schlaff dastehen und deinen Geist mit anderen Dingen beschäftigt sein, sondern lass deinen Körper eine Kirche und deinen Geist einen glorreichen Tempel sein. Dein Mund sei ein Rauchfass, deine Lippen seien Rauch, deine Zunge sei der Diener, der den Gott, den Erhabenen versöhnt." Über das Beten sagte er auch mahnend: "Du, der den Gewinn mag, bete in völliger Hingabe an Gott; denn es hilft dir in den beiden Welten, betrachte die Zeit des Betens nicht als verlorene Zeit, denn jedes Mal, wenn du betest, sammelst du für dich im Himmel Schätze. Nimm dir eine Stunde Zeit, bete zu deinem Gott; denn dein Gebet wird nicht entführt und deine Bitte wird nicht gestohlen."

Paulus der Erwählte fasste dies in einem Vers: "... Ich will nicht nur im Geist beten, sondern auch mit dem Verstand ..." (1Kor 14,15), zusammen.

5 Die Bedingungen für ein vollkommenes Gebet

Die wesentlichen Bedingungen des Betens sind:

1. Der Glaube, dass unser Gebet auf der unerschütterlichen Überzeugung gegründet ist, dass unsere Bitten an Gott in Erfüllung gehen werden; denn Gott hat es uns so versprochen: "Darum sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet - glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil." (Mk 11,24) Entsprechend sagt der Apostel Jakobus: "Wer bittet, soll aber voller Glauben bitten und nicht zweifeln; denn wer zweifelt, ist wie eine Welle, die vom Wind im Meer hin und her getrieben wird. Ein solcher Mensch bilde sich nicht ein, dass er vom Herrn etwas erhalten wird." (Jak 1,6.7)

2. In unserem Gebet steckt die feste und starke Hoffnung, dass, wenn unsere Bitten auch nicht sofort oder überhaupt nicht erfüllt werden, wir dennoch nicht verzagen dürfen, sondern wir sollen immer zu Gott unsere Bitten entsenden und ihn Tag und Nacht anrufen, wie er es uns im Evangelium lehrte. (Lk 11,5.18)

In der Nacht seines Leidens betete er zum dritten Mal mit den gleichen Worten. (Mt 26,44)

Das Nicht-Erhören der Gebete von Gott ist auf seine göttliche Weisheit zurückzuführen und nicht etwa darauf, dass er die Gebete akustisch nicht gehört hat oder sich nicht um uns kümmert; denn wenn er unsere Bitten umgehend erfüllen würde, würden wir vielleicht seine Gnade und Barmherzigkeit uns gegenüber gering schätzen und undankbar sein.

Die Gründe warum unsere Gebete nicht erhört werden, können wir nicht kennen:

Es kann sein, dass

- sie nicht zu unserem Vorteil gereichen, und da Gott mehr weiß als wir jemals wissen können, was uns zum Vorteil gereicht, so schenkt er unseren Bitten daher keine Aufmerksamkeit; denn er ist menschenfreundlich und will, dass wir alle erlöst werden. (1Tim 2,4)

- die Gebete vielleicht mit seiner Heiligkeit und seinem göttlichen Willen unvereinbar sind. Gib acht, o Beter, im Geist und Wahrheit deinen Herrn nicht darum zu bitten, was ihm nicht gebührt und dir nicht schadet, sondern du sollst dich mit seinem göttlichen Heilsplan in Einklang befinden. Denn das ist der Sinn deines Betens, wenn du sagst: "Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden ..." (Mt 6,10)

Geziemt es sich denn, nachdem wir ihn unseren Vater genannt und unseren Willen ihm unterworfen haben, dass wir uns sorgen und unser Hoffen aufgeben, wenn er unsere Bitten nicht erfüllt?

Unser Gebet möge mit der großen Gottes- und Nächstenliebe verbunden sein. Die Liebe zu Gott regt den Menschen an, ihn zu verherrlichen. Gott wohnt dadurch im Herzen des Menschen und macht sich das Herz des Menschen zur Wohnung.

Aber die Liebe zu unserem Nächsten lässt in uns eine Bereitschaft heranreifen, seine Verfehlungen uns gegenüber leichter zu vergeben, denn Gott will, dass wir unseren Nächsten lieben und ihm vergeben, damit Gott unsere Liebe sieht und uns so behandelt, wie wir unseren Nächsten behandelt haben. So wie es bei Matthäus deutlich wird. (Mt 6,14.15)

Allen unseren christlichen Brüdern sollen wir das Gute, den Sündern die Bekehrung, den Verirrten die Umkehr, den Büßern die Festigung und den Bedrängten und Verfolgten Befreiung wünschen.

Hinzu kommt die Klarheit der Gedanken, von der der greise Isaak sagt: "Das reine Beten bedeutet nicht, dass der Geist dem Einfluss fremder Gedanken ausgesetzt wird, sondern dass er sie nicht annimmt und sich durch sie nicht verleiten lässt;“ und das Verstehen des Gebetes; denn wenn einer nicht weiß, was er sagt, dann ist es für ihn besser, zu schweigen;

die Seele des Menschen, die den Herrn lobpreist, wenn sie die Größe des Herrn betrachtet, vor der sie steht, obwohl sie nicht wert ist, ihn anzubeten; denn sie ist Staub und ein erbärmlicher Wurm; die Gottesfurcht, die aus der Größe des Herrn aller Herrn, herrührt.

Darüber sagte Priester Ogris: "Das Beten, das ohne Gottesfurcht, Zittern, Achtsamkeit und Reinheit verrichtet wird, ist eitel.“ Der Beter schämt sich seiner Sünden zutiefst. Deswegen wagt er nicht, seine Augen gen Himmel zu richten. Sondern er ruft ehrfürchtig zu Gott, erhaben sei sein Name, und sagt: "Mein Gott, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. "

Und die Hoffnung, deren Wurzel in dem Wissen um das Erbarmen Gottes gründet, die den beiden Welten gilt. Wenn die Hoffnung wächst, erzeugt sie in der Seele eine unbeschreibliche Freude.

Unsere Gebete mögen dazu dienen, Gott wohl zugefallen, ihn zu loben, seine Herrschaft zu verkünden und alle anderen Gnadengaben, die von ihm kommen, dankbar anzunehmen.

Aber wenn das Gebet das Streben nach weltlichen Vorteilen und eitlen Vergnügungen zum Inhalt hat, gelangt es unerhört vor Gott. Das ist es, was unser Herr damit meint, wenn er sagt: "Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen." (Mt 6,7)

6. Die Gebetszeiten

Von den Aposteln und Heiligen - den Gründern der Kirche - übernahm die Kirche die Gebetszeiten, die unter der Leitung des Heiligen Geistes und der Befolgung prophetischer Traditionen entstanden. Die Apostel setzten sechs Gebetszeiten fest, denen die Kirchenväter eine siebte hinzufügten, womit sich erfüllte, was der Prophet sagte: "Siebenmal am Tage singe ich dein Lob wegen deiner gerechten Entscheide." (Ps 119,164) So wurde es im Buch "Ithiqun" von Bar Hebräus erwähnt. Es ist ein Zeichen dafür, dass die Gläubigen Gott, wie die Engel, lobpreisen.

Die sieben Gebetszeiten sind:

- Abend- oder Sonnenuntergangsgottesdienst (ramscho)

- vor dem Niederlegen zur nächtlichen Ruhe befiehlt sich der Gläubige dem Schutze Gottes an (sutoro)

- Nachtgottesdienst (lilyo)

- Morgengottesdienst (safro)

- Gottesdienst der dritten Stunde (tloth scho’in)

- Gottesdienst der sechsten Stunde (schet scho’in)

- Gottesdienst der neunten Stunde. (tsch‘ scho’in)

Wir erwähnten zuerst den Abendgottesdienst, weil der gottesdienstliche Tag unserer kirchlichen Ordnung am Abend beginnt. Sein inhaltlicher Ablauf wurde im "Buch des Schatzes" von Bischof Jakob Barteloyo beschrieben.

Am Abend beten wir zu Gott, um zu danken, dass er uns die Nacht zur Erholung schenkte, in der wir unseren, von der Tagesarbeit ermüdeten, Körper ausruhen konnten. Das Gebet im Nachtgottesdienst verrichten wir, um uns vor den Feinden und Gefahren der Nacht zu schützen; denn es ist möglich, wir wachen am folgenden Morgen in der Welt der Ewigkeit auf. Der Mitternachtsgottesdienst erinnert uns an das Leiden Christi, der die Nacht wachend verbrachte, um uns die Nachtwache und das fortwährende Beten zu lehren, damit wir vom Bösen und seinen Mächten erlöst werden. Am Morgen beten wir, um Gott, der uns das Tageslicht schenkte, Dank zu sagen. Der Gottesdienst der dritten Stunde erinnert uns an die Verurteilung Christi zum Tode und ermahnt uns, über seine Leiden nachzudenken, die er für uns ertrug. Wir sollen ihm danken, um dadurch am Tage des jüngsten Gerichtes erlöst zu werden. Beim Gebet der sechsten Stunde erinnern wir uns an die Kreuzigung, üben Meditation und danken der Güte und Liebe Gottes uns gegenüber. Die neunte Stunde ist die Stunde des Todes Jesu. In ihr erbebte die ganze Erde und die Schöpfung schrie, sich aufbäumend vor der Heuchelei des Volkes und der Jesu angetanen Schande auf.

Lasst uns darüber nachdenken und seiner übergroßen Liebe danken; wir bitten ihn auch um die Errettung vom ewigen Tod. Mögen wir mit unseren gläubigen Verstorbenen im Reich Gottes zu seiner Rechten wieder vereint werden. Im Folgenden sind einige Zitate aus der Apostelgeschichte wiedergegeben:

"Diese Männer sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst die dritte Stunde am Morgen." (Apg 2,15)

"... stieg Petrus auf das Dach, um zu beten; es war um die sechste Stunde." (Apg 10,9)

"Petrus und Johannes gingen um die neunte Stunde zum Gebet in den Tempel hinauf." (Apg 3,1)

"Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder ..." (Apg 16, 25).

Hinzu kommt, dass sie nicht schlafen gingen, ohne gebetet zu haben oder vom Schlaf aufstanden, ohne zu beten.

Mor Gregorios setzt hinzu: "Die Einsiedler fügten ein achtes Gebet hinzu, nämlich das  Gebet des frühen Morgens."

Die Laien aber, da sie nicht die sieben Gebetszeiten halten können, beten sie gemäß dem Gebet: "Ich aber rufe Gott abends, morgens und mittags an und er errettet mich."

So tat es auch Daniel. In seinem Obergemach waren die Fenster nach Jerusalem hin offen. Dort kniete er dreimal am Tage nieder und richtete sein Gebet und seinen Lobpreis an seinen Gott, wie er es früher auch getan hatte. (Dan 6,11)

Jetzt hat die heilige Kirche die sieben Gebetszeiten zu zwei zusammengefasst.

So gibt es jetzt nur noch das Gebet am Morgen und das Gebet am Abend. Das Gebet am Morgen umfasst das Nachtgebet und das Morgengebet der dritten und sechsten Stunde. Das Gebet am Abend enthält die übrigen Gebetszeiten.

Übersetzt aus dem Arabischen von  Amill Gorgis und George Toro,
aus dem Buch al-tuhfah al-ruhja, simto ruhonoito ‘al slutho qonunoito (Die Kanonischen Gebete).


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