Sergios von Risch'ayno
SERGIOS von Reschaina (Sargîs von Rîsch`aina od. Rêsch`aina, Sergius Resaïnensis), syrischer Presbyter ursprünglich
monophysitischer, später orthodoxer Richtung, Arzt und Gelehrter, Vertreter eines eklektischen Aristotelismus, + 536 in Konstantinopel.
- S. studierte in Alexandria Theologie, Philosophie und Medizin und wurde dann Presbyter und Archiatros (Amtsarzt) in Reschaina
(Theodosiopolis) in Syrien, wo er vielleicht eine gelehrte Schule gründete. Er stand theologisch ursprünglich auf dem Boden des
Monophysitismus; als er sich jedoch von seinem monophysitischen Bischof Askolios bedrückt fühlte, erschien er, um gegen denselben
Klage zu führen, wahrscheinlich im Jahre 535 in Antiochia vor dem dortigen orthodoxen Patriarchen Ephraim und wandte sich so der
chalcedonensischen Orthodoxie zu. Es gelang ihm, die Gunst des Patriarchen in solchem Maße zu erlangen, daß dieser ihn mit einer
Botschaft an den Papst Agapetus I. betraute. Als Agapet darauf zu Kaiser Justinian I. reiste, nahm er S. in seinem Gefolge mit. So kam
dieser am 20. Februar 536 in Konstantinopel an, wurde aber dort noch vor dem 22. April desselben Jahres, an welchem Tage Agapet
starb, vom Tod ereilt. - Die gegen S. erhobenen Beschuldigungen der Geldgier, Schwelgerei und Sittenlosigkeit dürften auf
monophysitische Kreise zurückgehen, die ihm seinen Übertritt zur Orthodoxie verübelten und daher bestrebt waren, ihn in einem
ungünstigen Licht erscheinen zu lassen; dabei mögen tatsächliche Lebensgewohnheiten des wohlhabenden Mannes im Sinne einer
asketischen Moralauffassung zu seinem Nachteil ausgelegt worden sein. - In literarischer Hinsicht betätigte sich S. als Übersetzer
griechischer Werke ins Syrische und als Verfasser eigener Schriften auf theologischem, philosophischem, medizinischem und
astronomisch-astrologischem Gebiete. Seine handschriftlich hinterlassenen Werke sind nur zum Teil veröffentlicht. - Theologisch
bedeutsam war seine Übersetzung der Schriften des Pseudo-Dionysius Areopagita; dazu verfaßte im 8. Jahrhundert Phokas bar Sergios
von Edessa Scholien, die mehreren Exemplaren der Übertragung des S. beigegeben sind. Dieser stellte seiner Übersetzung als Vorrede
eine »Abhandlung über das geistliche Leben« voran, die in starkem Maße von den origenistischen Lehren des Evagrius Ponticus
beeinflußt ist; dies läßt die Angabe des nestorianischen Mystikers Joseph Hazzaja (7./8. Jh.), S. habe auch die »Problemata gnostica« des
Evagrius Ponticus ins Syrische übersetzt, als durchaus wahrscheinlich einleuchten. Ob S. v. R. mit jenem Sergios identisch ist, der an
Johannes bar Kursos (s.d.) eine Anfrage bezüglich der Eucharistie gerichtet hat, ist unsicher. - Auf philosophischem Gebiete befaßte sich
S. vorwiegend, aber nicht ausschließlich mit aristotelischer Logik. Außerdem zeigen insgesamt sechs syrische Übersetzungen von
Schriften des Plutarch, Lukian und Themistios, von denen zwei im griechischen Original verlorengegangen und nur in dieser syrischen
Übersetzung erhalten sind, nach Baumstark 169 in Sprache und Übersetzungstechnik so nahe Berührungen mit den sicher von S.
herrührenden Übertragungen, daß es naheliegt, ihn selbst als ihren Urheber zu betrachten. - Ferner übersetzte S. einen Teil der
medizinischen Schriften Galens sowie einige diesem fälschlich zugeschriebene Stücke; diese syrischen Übersetzungen wurden im 9.
Jahrhundert zunächst von Hunain ibn Ishaq (Johannitius) verbessert und bald darauf wahrscheinlich noch in demselben Jahrhundert von
anderen Gelehrten ins Arabische weiterübertragen, wo sie dann einen bedeutsamen Teil der für das medizinische Studium als kanonisch
geltenden Schriften bildeten. - Schließlich sind noch zwei astronomisch-astrologische Abhandlungen von S. erhalten. - Auf theologischem
Gebiete steht S. dem Stephan bar Sudaili nahe, ohne sich allerdings wie dieser in einen mystischen Pantheismus zu verirren. Sein großes
Ansehen verdankt er jedoch seiner Tätigkeit auf dem Gebiete der profanen griechisch-syrischen Übersetzungsliteratur; noch spätere
arabische Autoren sind sich der ihm hier zukommenden führenden Bedeutung bewußt. Im Unterschied zu vielen anderen syrischen
Gelehrten betrachteten S. und eine Reihe anderer Gelehrter seiner Richtung die Werke des Aristoteles und anderer griechischer
Philosophen nicht nur als Hilfsmittel für die Theologie, sondern schrieben der Beschäftigung mit ihnen einen Eigenwert zu.

Werke: 1. Theologisches: Übers. der Schrr. des Ps.-Dionysius Areopagita; die dieser Übers. vorangestellte Abh. über das geistliche Leben
ist hrsg. m. frz. Übers. v. Polycarp Sherwood in: OrSyr. 5, 1960, 433-457; 6, 1961, 95-115. 121-156. - 2. Philosophisches: a. Überss.:
Porphyrios, Eisagoge; Ps.-Aristoteles, Categoriae; Ps.-Aristoteles, De mundo, hrsg. v. Paul de Lagarde, Analecta Syriaca, London 1855,
134-158; Übers. einer im griech. Original nicht erhaltenen dem Aristot. zugeschriebenen Schr. De anima, die nicht mit dem
gleichnamigen echten Werk dess. identisch war. Die 6 nach Baumstark 169 wahrsch. von S. herrührenden Überss.: Plutarch, De
cohibenda ira, hrsg. v. P. de Lagarde, Anal. Syr. (w.o.), 186-195; ders., De capienda ex inimicis utilitate, hrsg. v. Eberhard Nestle,
Studia Sinaitica, Cambridge 1894, 1-18, übers. v. Victor Ryssel in: RheinMus 51, 1896, 9-20; ders., De exercitatione morali, hrsg. v. E.
Nestle, Stud. Sin. (w.o.), 177-186, griech. Original nicht erhalten, übers. v. Johannes Gildemeister in: RheinMus 27, 1872, 524-538;
Lukian, Calumniae non temere credendum, hrsg. v. Eduard Sachau, Inedita Syriaca, Wien 1870, 1-16; Themistios, De amicitia, hrsg. v.
dems., ebd. 48-65; ders., De virtute, hrsg. v. dems., ebd. 17-47; griech. Original nicht erhalten, übers. v. Joh. Gildemeister in: RheinMus
27, 1872, 439-462. - b. Originalwerke: 7 Bücher über die Logik des Aristoteles; Über Gattung, Art und Einzelwesen (De genere, specie
et individuo), Inhaltsang. v. Giuseppe Furlani in: Studi it. di filol. class., N.S. 3-4, Florenz 1925, 305-333; Über die Kategorien (De
categoriis), Inhaltsang. u. teilweise it. Übers. v. Gius. Furlani in: Rivista trimestrale di studi filosofici e religiosi 3, Perugia 1922, 135-172;
eine Abh. über Ps.-Aristot., De interpretatione c. 3, das Verhältnis der Analytica priora z. den übrigen Schrr. des Aristot. u. den Begriff
der figura in Anal. pr. I c. 7; Über das All nach der Ansicht des Aristoteles (De universo iuxta mentem Aristotelis), it. Übers. v. Gius.
Furlani in: Riv. trim. (w.o.) 4, 1923, 1-22. Abhh., die nach Baumstark 168 wahrsch. von S. herrühren: Philosophische Erörterung über
die Redeteile (Disputatio philosophica de partibus sermonis); Über Bejahung und Verneinung (De affirmatione et negatione); Über den
Begriff des Wesens (De conceptu essentiae). -3. Überss. medizinischer Schrr.: Galen, De mixtione pharmacorum simplicium, hrsg. v.
Adalbert Merx, in: ZDMG 39, 1885, 237-305; ders., Ars curandi, im Ausz. hrsg. v. Sachau, Ined. Syr. (w.o.), 88-94; ders., De virtutibus
ciborum, im Ausz. hrsg. v. dems., ebd. 94-97: u.a. - 4. Astronomisch-astrologische Abhh. u.ä.: Über den Einfluß des Mondes nach
Ansicht der Astrologen (De influxu lunae iuxta mentem astrologorum), hrsg. v. Sachau, Ined. Syr. (w.o.), 101-124; Über die Bewegung
der Sonne (De motu solis), hrsg. v. dems., ebd. 125 f. Eine alchemistische Schr. »Über die (große) Kunst« wird ihm im Fihrist wohl zu
Unrecht zugeschrieben (Baumstark 172).

Bibliographie: Ignatius Ortiz de Urbina, Patrologia Syriaca, Rom 1958, 101 f.

Lit.: Victor Ryssel, Über den textkrit. Wert der syr. Überss. griech. Klassiker, 1. Tl., in: Progr. des Nicolai'schen Gymn. Leipzig 1880,
7-48; 2. Tl., ebd. 1881, 10-56; - Anton Baumstark, Lucubrationes Syro-Graecae, in: Fleckeisens Jbb. f. class. Philol., Suppl.-Bd. 21,
Leipzig 1894, 353-524, hier 358-384. 405. 470; - Aron Freimann, Die Isagoge des Porphyrius in den syr. Überss., Berlin 1897; -
Giuseppe Furlani, Due scolî filosofici attribuiti a Sergio di Teodosiopoli, in: Aegyptus 5, Mailand 1926, 139-145; - Irénée Hausherr,
Doutes au sujet du divin Denys, in: OrChrP 2, 1936, 484-490, hier 488; - K. Georr, Les Catégories d'Aristote dans leurs versions
syro-arabes, Beirut 1948, 17-23; - Polycarp Sherwood, Sergius of Reshaina and the Syriac versions of the Ps.-Denys, in: SE 4, 1952,
174-184; - Jean-Michel Hornus, Les recherches dionysiennes de 1955 à 1960, in: RHPhR 41, 1961, 22-81, hier 35-38; - Antoine
Guillaumont, Les »Kephalaia gnostica« d'Evagre le Pontique et l'histoire de l'origénisme chez les Grecs et les Syriens (Patristica
Sorbonensia 5), Paris 1963, 222-227; - Baumstark 166. 167-169; - Bardenhewer IV, 297 f.; - LThK IX, 687 f.; - NewCathEnc XIII,
114 f.; - Ueberweg II, 294. 715; - EncF2 V, 1292.


Autor: Adolf Lumpe
Quelle:  BBKL

Web Master Gabriel Rabo
Updated: 11.10.1998
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