Simeon Stylites
SYMEON STYLITES DER ÄLTERE, Der syrische Asket Symeon Stylites der Ältere, der erste »Säulenheilige«, ist um 390 in Sis
(Sisam) im Grenzgebiet zwischen Syrien und Kilikien in einer wohlhabenden Bauernfamilie geboren. Als kleines Kind getauft, hütete er,
ohne irgendeine Schulbildung zu erhalten, die Schafe seiner Eltern. Um 403 trat er in das Kloster Eusebona bei Teleda ein, das er aber im
Februar 412 wegen seiner exzessiven Askese wieder verlassen mußte. Er hatte sich zwei Jahre hindurch eingraben lassen und sich durch
andauerndes Stehen dem Schlaf entzogen. S. wurde nun Eremit bei Telneshin Telanissos (Deir Sim an) 60 km östlich von Antiochia. Er
hauste zwar in einer Zelle, ließ sich aber während der 40 Tage der Fastenzeit einmauern. Bald übersiedelte er in das nahe Gebirge, wo
ihn ungezählte Ratsuchende besuchten. Um solchen Störungen zu entgehen und um dem Himmel näher zu sein, setzte er sich um 422
auf eine Säule, auf der er den Rest seines Lebens verbringen sollte. Die Säule war zunächst nur 3 Meter hoch, wurde aber dann mit Hilfe
kaiserlicher Bauleute bis auf ca. 20 Meter erhöht. So konnte ihm niemand mehr wundertätige Fäden aus der Kutte ziehen. Die Plattform
maß 2 x 2 Meter. S. lebte in beständigem Gebet, das von rhythmischem Niederfallen aus Knie und Stirn begleitet war. Theodoret von
Kyros hat sage und schreibe 1244 solche Proskynesen gezählt, dann aber das Zählen aufgegeben. - Der Ruf der Heiligkeit breitete sich
aus und große Volksmassen drängten um den »Friedensstifter der Wüste«, der jeden Tag zwei Ansprachen an die Volksmasse richtete.
So entwickelte sich rings um die Heiligensäule ein permanenter Kirchentag, der Pilger aus der gesamten Ökumene anlockte. Der stets von
Freude erfüllte Vater ging auch auf hochgerufene Fragen ein. Manch ein Besucher, wie Kaiser Theodosius II., kletterte sogar zu dem
lebenden Heiligen hoch, um sich dort beraten zu lassen. S. hatte so erhebliches politisches Gewicht. Für die verfolgten Christen im
Perserreich wirkte er wie ein Fanal der Rettung. Er trat stets für die Armen und Unterdrückten ein. So forderte er, es dürften generell nur
sechs Prozent Zinsen genommen werden. - Theodoret von Kyros, der ganz in der Nähe Bischof war, berichtet vom Fasten des lebenden
Heiligen: »Von dieser Zeit an bis heute - 28 Jahre sind seitdem verstrichen - verbringt er das vierzigtägige Fasten ohne Nahrung zu sich
zu nehmen. Zeit und Übung haben ihm bei seiner Anstrengung sehr geholfen. Die ersten Tage pflegte er nämlich zu stehen und laut
Gottes Lob zu singen. Danach, wenn sein Leib durch Mangel an Nahrung nicht mehr die Kraft zum Stehen hatte, setzte er sich nieder
und verbrachte so seinen heiligen Dienst. Die letzten Tage lehnte er sich auch an. Und wenn dann allmählich seine Kraft sich erschöpfte
und erlosch, war er gezwungen, halbtot am Boden zu liegen. Aber als er seinen Platz auf der Säule eingenommen hatte, wollte er von
dort nicht mehr herabsteigen und dachte sich darum etwas aus, um auf andere Weise stehenzubleiben. Er brachte einen Balken an der
Säule an und band sich selbst mit Tauen an den Balken fest. So hielt er die vierzig Tage durch. Später aber, als er mehr Gnadenkräfte
von oben empfangen hatte, war er auf dieses Hilfsmittel nicht mehr angewiesen, und jetzt steht er vierzig Tage lang. Er braucht keine
Nahrungsmittel, sondern schöpft seine Kraft aus seinem eigenen Willen und Gottes Gnade« (Phil. Hist. 24). - Noch zu seinen Lebzeiten
stellten Handwerker im weit entfernten Rom Bilder des S. als Schutzzeichen in den Eingang ihrer Werkstätten. - Der »zwischen Himmel
und Erde lebende Märtyrer«, der aérios martyr, starb am 2.9. 459 in kal 'at Siman. Sein Tod wurde zunächst dem Volk verheimlicht.
Der Leichnam wurde dann mit allem Pomp nach Antiochia überführt, wo man 30 Tage lang die Totenfeier hielt. Ein Teil der kostbaren
Gebeine kam 10 Jahre später nach Konstantinopel. Sein Fest wurde im Westen am 5. Januar begangen, im Osten am 1. September. Das
Beispiel des »Wunders des Erdkreises« fand bis zum 10. Jahrhundert Nachfolger. Anfängliche Kritik an der extremen Lebensweise war
schnell verstummt. S. verkörperte mit seiner »Ortsaskese« das syrische Ideal des Einsiedlers in höchster Übersteigerung. - Die »heilige
Festung« Kal at Siman (459 ff.) ist in der seit dem 7. Jahrhundert verödeten Gegend 60 km östlich von Antiochia gut erhalten. Freilich
stand 1862, als Vicomte de Vogüé das Ganze wiederentdeckte, noch wesentlich mehr, wie die graphischen Darstellungen jener Zeit
bezeugen. Zentrum des Ganzen ist die Säule des Heiligen: Die originale Basis und mehrere Trommeln des Säulenschafts sind erhalten.
Darum errichtete man ein Oktogon, das sich in acht gigantischen Triumphbögen öffnet, die durch die gleiche Bauornamentik miteinander
verbunden sind. Von diesem Zentrum aus ging nach jeder Himmelsrichtung eine dreischiffige Basilika. Die Ost-Basilika mit ihren drei
Apsiden war die eigentliche Pilgerkirche. Die drei anderen Basiliken dienten zur Betreuung der Pilgerströme. Um 500 wurde dem
Riesen-Heiligtum ein Kloster zugeordnet, das eine eigene Klosterkirche hatte, die zwischen dem Kloster und der Pilgerkirche lag. Am Fuß
des Symeon-Festungshügels findet man Xenodochien, also einen Herbergskomplex mit Ställen. Ein mit einem Tor verbundenes
Baptisterium in diesem Bereich steht noch bis obenhin. Daran hing noch eine kleine Basilika. - Wer hat die gigantische Anlage, an der
tausend Arbeiter gleichzeitig haben wirken müssen, errichtet? Die Riesenanlage sprengt die Möglichkeiten eines Klosters oder eines
Patriarchen. So kommt für diese exorbitante Baumaßnahme nur der vielfach angefeindete Kaiser Zeno der Isaurier in Frage, der so seine
Legitimität demonstrieren konnte. Er suchte so offenbar den Ruhm des Heiligen für seine Kirchenpolitik zu nutzen. Zeno baute auch
sonst in gewaltigen Ausmaßen. Im 7. Jahrhundert eroberten die Araber das Gebiet. Seit dem 11. Jahrhundert schweigen die Quellen ganz.
Im 19. Jahrhundert nutzte ein Scheich das Ganze als Palast.

Quellen: Theodoret von Kyros (gest. um 460), Philotheos Historia = Geschichte der Mönche Syriens: MG 82, 1283-1496 deutsch von
K. Gutberlet = Bibliothek der Kirchenväter Band 502, 1926; - Französische Auswahl: A.J. Festugière, Antioche paienne et chrétienne,
Paris 1959, 347-401, 493-506; - Hans Lietzmann und H. Hilgenfeld eb.: Das Leben des hl. Simeon Stylites = Texte und Untersuchungen
32/4, 1908; - S. Assemani, Acta Martyrum II, Rom 1748, 268-394.

Lit.: Acta Sanctorum Jan. I, 1643, 261-286; - Prot. RE3 XVII, 332 f.; - H. Delehaye, Les Saints stylites, Brüssel 1923 = Subsidia
Hagiographica 14, bes. I-XXXIV; - D. Krencker, Die Wallfahrtskirche des Simeon Stylites = Preuß. Akademie der Wissenschaften Abh.
1938, Nr. 4; - M. Chaîne, La vie et les miracles de s. Symeon stilite l'ancien, Cairo 1948; - E. Dawes und N.H. Baynes, Three
Byzantine Saints, Oxford 1948; - P. Canivet, Theodoret et le monachisme syrien, Théologie de la vie monastique, Paris 1961; - R.
Krautheimer, Early Christian and Byzantine Architecture, London 1965 fig. 43; - V.h. Elbern, HI SCS SYNEON = Eine vorkarolingische
Kultstatue des Symeon Stylites in Poitiers = A. Grabar ed.: Cahiers Archeologiques 16, Paris 1966, 23-38; - A. Grabar, Die Kunst im
Zeitalter Justinians, München 1967.


Autor: Nicolaus Heutger
Quelle:  BBKL

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Updated: 11.10.1998
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