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 Metropolit Mor Julius Yeshu Çiçek mit dem Aram-Preis für die aramäische Sprache und Literatur ausgezeichnet

 

Von Gabriel Rabo

SOLNews – Stockholm (Januar 2004). „The Association of the Academic Arameans“ verlieh am 12. Dezember 2003 den Aram-Preis des Jahres 2003 seiner Eminenz Mor Julius Yeshu Çiçek, dem Metropoliten der syrisch-orthodoxen Diözese Mitteleuropas, wegen seines großen Verdienstes an der Belebung und Pflege der syrisch-aramäischen Sprache und Literatur. Mor Julius schrieb eine große Anzahl syrischer Handschriften in seinem eigenen kalligraphischen Stil ab und gab über hundert syrische Bücher heraus. Er machte einen großen Teil der syrischen Literatur den interessierten Lesern zugänglich und bereicherte das Studium der syrischen Sprache und Bücher, indem er den syrischen Bibliotheken viele schöne handgeschriebene Faksimileausgaben bescherte, so die Begründung der Jury in der ihm verliehenen Urkunde.

Nicht nur literarisch hat sich Mor Julius Yeshu Çiçek einen Namen gemacht, sondern auch im pastoralen Dienst für die syrisch-orthodoxe Kirche. Seit Übernahme der Leitung der neu gegründeten Diözese von Mitteleuropa im Jahre 1977 als Patriarchalvikar und seit 1979 als Bischof investierte er viel Kraft in den Aufbau der Kirchengemeinden der Diözese, welche sich über sechs Länder erstreckt: Holland, Deutschland (seit 1997 selbstständige Diözese), Belgien, Frankreich, Schweiz und Österreich. Er erwarb vierzig Kirchen und drei Klöster: Mor Ephrem der Syrer 1981 (NL), Mor Augin 1996 (CH) und Mor Jakob von Serug 1996 (D); er weihte zahlreiche Priester, Diakone, Mönche, Nonnen und Subdiakone sowie Lektoren. Darüber hinaus veröffentlichte er bislang 113 Werke und gibt seit 1978 die Zeitschrift Kolo Suryoyo kontinuierlich heraus. Für den Bar ‘Ebroyo Verlag erwarb er 1986 eine eigene moderne Druckerei, die leider nur ungefähr vier Jahre in Betrieb gehalten werden konnte. Wegen seiner hervorragenden Leistungen verlieh ihm der Patriarch Mor Ignatius Zakka Iwas den Titel „Mor Jakob Burd‘ono des 20. Jahrhunderts“ und begründete dies damit, „dass Mor Julius seine Diözese mit großem Eifer leitet, Gemeinden baut und das syrische Volk im Glauben stärkt. Daher ist er würdig, seinen Namen mit Buchstaben aus Licht in das Buch der Geschichte einzutragen“. Der heilige Mor Jakob Burd‘ono († 578) war derjenige Bischof, der die syrische Kirche im 6. Jahrhundert mit über achtzig von ihm geweihten Bischöfen reorganisierte, als die syrische Kirche auf Grund ihrer Verurteilung der Lehre des Konzils von Chalkedon (451) von den Chalkedonensern massiv verfolgt wurde.

Mor Julius Yeshu Çiçek, der 1942 geboren ist, stammt aus einer Priesterfamilie aus dem Dorf Kafro ‘Eloyto im Tur Abdin. Seine Eltern, Priester Barsaumo und Bathqyomo Sayde, waren ab 1951 im Pastoraldienst in der nördlich vom Tur Abdin gelegenen Region Besheriye tätig. Seine Mutter war eine geweihte Bathqyomo (1), ein seltenes Amt in der gesamten damaligen Syrischen Kirche, und hatte die Aufgabe, einen Priester zu unterstützen, vor allem bei der Taufe der erwachsenen Frauen. Um seinen Eltern bei seelsorgerlichen Aufgaben zu helfen, ließ sich Mor Julius von 1951-1955 im Kloster Deir Za‘faran theologisch ausbilden und war zwei Jahre lang im Dienst des gelehrten Bischofs Mor Philoxenos Hanna Dolabani († 1969) in Mardin, der ihn durch seine Spiritualität und sein Engagement für die Herausgabe syrischer Bücher entscheidend beeinflusste. Er vertiefte sich in dieser Zeit vor allem in das Studium des Syrischen und des Arabischen und erlernte auch den Umgang mit der Druckerei. 1957 hatte er seinem Vater bei der Betreuung syrischer wie auch armenischer Familien in den zerstreuten Dörfern des Besheriye beizustehen. Nach Verlauf eines Jahres weihte ihn Bischof Hanna Dolabani 1958 zum Diakon und schickte ihn in die Regionen Bitlis und Seert, wo er ca. 270 Menschen taufte (ohne den heiligen Myron, der nur einem Priester vorbehalten ist) und sie seelsorgerlichen betreute. Nach dem Massaker an den Syrern im Jahre 1915 blieben die wenigen Überlebenden dort ohne geistliche Betreuung und damit ohne Empfang der heiligen Sakramente und gerieten so in Vergessenheit.

In dieser Zeit entschied sich Mor Julius für ein Leben als Mönch. Als er 1960 in das Kloster Mor Gabriel kam, wurde er Mönch und 1969 Priester, geweiht durch den Bischof vom Tur Abdin, Mor Iwannis Afrem Bilgiç (1891-1984). Nach dem Ableben des Abtes Şabo Güneş übernahm Mor Julius 1962 die Leitung des Klosters und begann, wie Mor Shmuel und sein Schüler Mor Shemun, die ersten Gründer dieses Klosters vor 1607 Jahren, das Kloster wieder zu beleben. Er renovierte die verfallenen Gebäude, schuf Neubauten, befestigte das Kloster mit einer Mauer, gründete ein Priesterseminar (1963), trug das Kloster und seine Immobilien ins Grundbuch des türkischen Staates ein (1964), baute eine Autostraße (1966), versorgte das Kloster mittels eines Generators mit dem damals in der Region nur selten vorhandenen Strom (1972) und gab die Klosterchronik in arabischer und türkischer Sprache heraus (1971). Um dies alles zu finanzieren und die Klostergemeinschaft zu versorgen, unternahm er zweimal Spendenreisen: 1964 nach Syrien und 1972 nach Europa. Während seines zwölfjährigen Dienstes bereitete Mor Julius Yeshu das Kloster Mor Gabriel auf die Mönchsgemeinschaft und die vielen Seminaristen vor, so dass es heute als Perle im Herzen des Tur Abdin glänzen kann. Das Kloster Mor Gabriel ist bekannt für die vorbildliche Pflege der syrischen Sprache sowie dafür, dass die in ihm ausgebildeten Seminaristen als Bischöfe, Priester und Lehrer der syrischen Kirche dienen, wie das Kloster und seine Mönche damals im 7. und 8. Jh. die einzigen in der Region waren, die in ihrer theologischen Haltung und weltlichen Politik gegen die Unterdrücker der syrischen Kirche eine entscheidende Rolle spielten.

Als Mor Julius 1973 in den Libanon reiste, um für das Kloster Mor Gabriel eine syrische Druckerei zu erwerben und einzurichten, wurde er unerwartet vom mittlerweile verstorbenen Patriarchen Mor Ignatius Jakob III. († 1980) beauftragt, die Syrer in der westlichen Diaspora zu betreuen. So kam er 1974 nach Deutschland und hielt sich von 1975-1977 in den USA bei Mor Athanasius Yeshu Samuel auf. Dann kehrte er wieder nach Europa zurück und betreute von der niederländischen Stadt Hengelo aus all die zerstreuten syrischen Gemeinden in den europäischen Ländern, deren Mitglieder in den 1960er und 1970er Jahren als Gastarbeiter zum großen Teil aus dem Tur Abdin kamen. Als die zwei Diözesen von Mitteleuropa und Skandinavien im Jahre 1977 gegründet wurden, übernahm Mor Julius Yeshu Çiçek endgültig die Leitung der Diözese Mitteleuropas.

Der Aram-Preis des Jahres 2003 ist ein deutliches Zeichen für die Anerkennung und Dankbarkeit im Hinblick auf das geistige und literarische Werk seiner Eminenz Mor Julius Yeshu Çiçek, der seit 45 Jahren im Dienst der der syrischen Kirche und für die Pflege des syrisch-aramäischen Erbes unermüdlich tätig ist.

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(1) Bathqyomo wird als „Tochter des Bundes“ übersetzt und bezeichnet eine Frau, die ein Gelübde abgelegt hat. Eine geweihte Frau mit dieser Bezeichnung lebte ursprünglich asketisch und für den Dienst an den Armen. Zum ersten Mal finden wir diesen Namen bei dem ältesten syrischen Kirchenvater, Bischof Aphrahat dem Weisen (ca. 280-367), und ist nur in der syrischen Kirche bekannt. Diese Weihe hat im Laufe der Zeit ihre Bedeutung verloren und wird heute nicht mehr vollzogen. Jedoch wird die Frau eines Priesters auch heute noch gewöhnlich als Barthqyomo bezeichnet, auch wenn sie nicht geweiht ist.


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First updated: 12.02.2004
Last updated: 24.02.2004
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