Erneutes Massaker an die Suryoye im Tur‘Abdin


Eine weitere syrisch-orthodoxe Familie wurde am 24.9.1997 in Mzizah umgebracht. Das Ehepaar Iskender (75) und Rihane (70) Araz wurde am Abend in ihren Wohnung nach Angaben von Familienangehörigen wahrscheinlich von kurdischen „Dorfschützern" oder Hisbollah brutal mit mehreren Kopfschüssen getötet. Nach den hinterlassenen Spuren in der Wohnung zu urteilen, dürften sich die Mörder vor dem Verbrechen von ihren Opfern verpflegt haben lassen. Die Bewirtung legt den Schluß nahe, daß die Täter von der beiden Ehepartnern bekannt waren. Weder eine Gerichtsmedizinische Untersuchung noch eine Spurensicherung wurden, wie auch bei allen anderen Mordfällen im Tur‘Abdin, von Seiten der türkischen Regierung durchgeführt. Nur kurz protokollierten die Behörden von Midyat die Geschehnisse. Die Leichen des Ehepaares wurden noch am gleichen Tag in Abwesenheit von Familienangehörigen beigesetzt. Die Kinder und Verwandten der Opfer flüchteten vor Jahren nach Deutschland und konnten nicht an dem Begräbnis ihrer Eltern teilnehmen.

In der gleichen Art und Weise wie diese brutalen Morde sind weitere syrische Familien, im Tur‘Abdin umgebracht worden: im Mai 1990 zwei Personen der Familie Bulut in Anhil und einen Monat später das Ehepaar Aykal in ‘Urnus/Arnas. Diese Mordfälle werden den sogenannten „Dorfschützern" zur Last gelegt. Die „Dorfschützer" sind paramilitärischen Einheiten, die von der türkischen Regierung mit Waffen und Geldmitteln unterstützt werden. Ihr Einsatz dient angeblich dem Schutz der Bevölkerung im Südosten der Türkei vor Überfällen der kurdischen Befreiungsorganisation PKK. Doch treten die Dorfschützer nach Angaben der Betroffenen mehr und mehr als Mordinstrumente für die Untergrundorganisation des „Islamischen Heiligen Krieges" gegen die Christen in der Türkei in Erscheinung. Diese Organisation, die von den islamisch-fundamentalistischen Staaten zur Errichtung eines „Gottesstaat" in der Türkei unterstützt wird, fordert die Christen im Tur’Abdin ultimativ auf, das islamisch geprägte Land zu verlassen.

In dem 7 km östlich von Midyat gelegenen Dorf Mzizah leben heute nur noch fünf syrischen Familien. Der Rest der Bewohner mit ihrem Pfarrer ist wie die anderen Suryoye aus dem Tur‘Abdin im Laufe der letzten Jahrzehnte in den Westen meistens nach Deutschland ausgewandert. Die Zahl der aramäischen Urbewohner vom Tur‘Abdin ist vor drei Jahren stark reduziert worden. Heute leben dort weniger als 2374 Menschen in 22 Dörfern und in der Türkei nur 14539 insgesamt (stand: September 1995). Die Gründe ihrer Auswanderung sind die physische und psychische Verfolgung wie diese Massaker und verhängten Maßnahmen sowohl von der türkischen Regierung als auch von den Kurden. Vor einer Woche hat die türkische Regierung die übriggebliebenen Klöster geschlossen, ihre Renovierung untersagt und der Unterricht der syrischen Sprache verboten.

Wir Suryoye appellieren an die türkischen Regierung diese verhängten undemokratischen Maßnahmen aufzuheben, und alle Minderheiten in der Türkei mit demokratischen Rechten zu behandeln. Dieser Appell ist auch an die deutsche Regierung und an die EU gerichtet, die Menschenrechtsverletzungen an die Minderheiten in der Türkei ernst zu nehmen und die Regierung in Ankara auffordern, die Demokratie im Lande besser zu schützen.


Autor: Gabriel Rabo

Updated: 27.10.1997


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