Gemeinsame Erklärung der orientalisch-orthodoxen Patriarchen zur Christologie
Ägypten, 11. März 1998


 
1.  In unserem gemeinsamen Zeugnis des einen Glaubens an den einen Sohn und fleischgewordenen Logos,
unseren Erlöser Jesus Christus, halten wir fest am apo-stolischen Glauben, der uns von den Aposteln in den
Heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments, den ersten drei Ökumenischen Konzilien von Nizäa (325
n. Chr.), Konstantinopel (381 n. Chr.) und Ephesus (431 n. Chr.) sowie in den Lehren der ehrenwerten heiligen
Väter in unseren drei Kirchen überliefert wurde. Sie kämpften dafür, den Glauben unserer Kirchen und die
Dogmen dieser Konzilien zu bewahren. Auf dem Fundament der Lehren des heiligen Cyrill des Großen
kämpften unsere Kirchen im Laufe der Geschichte mit dem Blut der Märtyrer dafür, die Lehren und
Entscheidungen zu bewahren, die die Fleischwerdung des Logos betrafen.

2.  Die Lehren des heiligen Cyrill des Großen stellen das Fundament der christologischen Lehre in unseren
Kirchen dar. Auf der Basis dieser Lehre konnte der "Gemeinsame offizielle theologische Dialogausschuß
zwischen den orientalisch-orthodoxen und byzantinischen Kirchen" eine gemeinsame Stellungnahme
formulieren, die vorgelegt wurde und gegenwärtig von den Heiligen Synoden der beiden Kirchenfamilien
studiert wird.

3.  Indem wir an dem Glauben und den Dogmen unserer heiligen Väter festhalten und ihm standfest anhängen,
bestätigen wir die Verwerfung aller häretischen Lehren, die von Arius, Sabellius, Apollinarius. Makedonius,
Paulus von Samosata, Diodor von Tarsus, Theodor von Mopsuestia, Nestorius, Eutychus verbreitet wurden
und von allen, die ihren Häresien folgen oder ihre falschen Lehren und Irrtümer verbreiten und alle anderen
Häresien.

4.  Wir glauben, daß unser Herr Jesus Christus, Gottes Sohn, der Logos, in seine eigene Person (Aqnumihi
al-hasi) kam, also nicht eine Persönlichkeit des Menschen (Sahs min al-basar) annahm. Vielmehr ist es so, daß
er selbst in der personalen Union eine vollständige menschliche Natur annahm - eine verstandbegabte Seele
und einen Körper ohne Fehl von der heiligen Jungfrau Maria durch den Heiligen Geist. Er schuf damit seine
eigene Menschheit und seine Gottheit zu einer einzigen Natur und zu einer einzigen Person, um im Moment
der Inkarnation Fleisch anzunehmen in einer wahrhaften Union der Natur und der Person. Seine Gottheit war
nicht für einen einzigen Moment und für einen Augenblick getrennt von seiner Menschheit. Diese Union
übersteigt unser Erklärungsvermögen und unser Verständnis.

5.  Wir stimmen in der Notwendigkeit überein, daß wir in allen theologischen Dialogen gemeinsame
dogmatische Positionen beziehen müssen. Daher soll jeder theologische Dialog, der mit anderen Kirchen und
christlichen Gruppierungen der Welt geführt wird, von nun an auf der Ebene der orientalisch-orthodoxen
Familie im Nahen Osten besprochen werden. Wir hoffen, daß dieses Prinzip weltweit von allen Kirchen der
Familie übernommen wird, wie es gegenwärtig in vielen Dialogen bereits getan wird. 

6.  Wir stimmen überein, daß es notwendig ist, die Beziehungen in organisierter Weise zu vertiefen, unter
anderem durch folgende Maßnahmen: 

    a.  Kontinuierliche organisierte Begegnungen jedes Jahr; 

    b.  Vertreten einer einheitlichen dogmatischen und theologischen Position in allen theologischen
    Dialogen; 

    c.  Einnehmen einer einheitlichen Position in allen wesentlichen Fragen unserer Kirchen im
    Mittelöstlichen Kirchenrat, im Weltkirchenrat, bei "Pro Oriente" und anderen ökumenischen
    Organisationen; 

    d.  Austausch von theologischer Forschung, von Professoren und Studenten zwischen den Instituten
    der drei Kirchen; 

    e.  Austausch von Pastoralbriefen, die sich mit Glaubensangelegenheiten, dem christ-lichen Zeugnis,
    der Predigt sowie der Verbreitung des Evangeliums und des Dienstes beschäftigen; Austausch von
    Büchern, Zeitschriften, Veröffentlichungen zur christlichen Erziehung und zur theologischen und
    ethischen Unterweisung; 

    g.  Austausch von detaillierten Informationen über die kirchliche Arbeit; 

    h.  Einnahme einer einheitlichen Position in Fragen, die die Gerechtigkeit, den Frieden und die
    Menschenrechte betreffen; 

    i.  Ermutigung unseres Klerus' und unseres Kirchenvolkes, die Kooperation auf Gemeinde- und
    Diözesanebene im Nahen Osten und anderswo zu fördern.

7.  In Folge der historischen Begegnung in Addis Abeba (1965) und durch unsere gemeinsamen Anstrengungen
hoffen wir, in Kürze den Kreis unserer Treffen um den Rest unserer Geliebten in der orientalisch-orthodoxen
Kirchenfamilie erweitern zu können. (Anm. des Übers.: Bei der Begegnung fehlten Vertreter der
Äthiopisch-Orthodoxen, der Indisch-Orthodoxen und - je nachdem ob man sie als eigenständige Kirche beurteilt -
der Eritreisch-Orthodoxen Kirche).

8.  Wir hoffen, uns regelmäßig mit den Oberhäuptern der byzantinisch-orthodoxen Kirchenfamilie zu treffen,
um den theologischen Dialog und die ökumenische Kooperation auf regionaler, nationaler und globaler Ebene
voranzutreiben.

9.  Wir diskutierten über die 2.000-Jahr-Feiern anläßlich der Geburt Christi - ihm sei Ehre - und beauftragen
den Ständigen Ausschuß (s. Punkt 11), sich dieser Angelegenheit besonders anzunehmen und dieses große
Ereignis zu organisieren.

10.  Wir werden gemeinsam große und fortwährende Anstrengungen unternehmen, um in ökumenischen
Versammlungen und in der weltweiten Gesellschaft darauf hin zu wirken, daß die Araber ihre gestohlenen
Rechte in Jerusalem, Palästina, Golan und Südlibanon zurückerhalten. Ebenso fordern wir dazu auf, die
Blockade und die Sanktionen, die dem irakischen Volk auferlegt wurden, sofort aufzuheben. Wir beten, daß
Friede und Gerechtigkeit herrschen mögen auf der ganzen Welt.

11.  Wir gründeten einen "Ständigen Ausschuß", um die Übereinstimmungen dieser Begegnung umzusetzen. Er
wird sich zweimal pro Jahr treffen. Die Mitglieder dieses Komitees sind: Metropolit Amba Bishoi und Bischof
Amba Musa von seiten der Koptisch-Orthodoxen Kirche von Alexandria, Metropolit Mar Gregorius Yohanna
lbrahim und Metropolit Mar Theophilus George Saliba von seiten der Syrisch-Orthodoxen Kirche von
Antiochien sowie Bischof Siboh Sarkissian und Archimandrit Narek Elimazian von Seiten der
Armenisch-Apostolischen Kirche, Katholikat von Kilikien. 


(Übersetzung aus dem Arabischen: Pfarrer Dr. Wolfram Reiss; zitiert nach: KNA/ÖKI/17 - 4568 ).
 



Web Master Gabriel Rabo
10.08.1998
[HOME] [NEWS]