Armenier und Aramäer gedenken des Völkermords vor 80 Jahren


Ende März 1915 begannen die Türken mit der Deportation der Armenier und am 25. April verhafteten sie etwa 600 führende Armenier in Konstantinopel unter dem willkürlichen Vorwurf des Hochverrates. Sie wurden später kaltblü-tig umgebracht. Die systematische und massenhafte Ausrottung der Armenier und später der Aramäer in allen Provinzen des Osmanischen Reiches wurde erbarmungslos durchgeführt. Mehr als 1,7 Millionen Armenier und hunderttau-sende Aramäer (Ost- und Westsyrer) fielen einem der grausamsten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit zum Opfer. Trotz dieser Greueltat leugnet die türkische Regierung bis heute die Faktizität dieses Genozids und stellt ihn sogar als eine armenische Erfindung dar. 80 Jahre danach gedenken die Nachkommen der wenigen Überlebenden der Opfer des ersten Genozids dieses Jahrhunderts. Sie setzen den friedlichen Kampf gegen die türkische Verleugnung fort und verurteilen diesen Völkermord. Durch Berichte und die damit verbundene Erinnerung kann das Schweigen gebrochen werden, denn das Geheimnis des Schweigens ist die Erinnerung.

Mit der Arbeitsgemeinschaft St. Baselius der Große, die aus evangelischen, katholischen und orthodoxen Christen besteht, haben die Armenier und die Aramäer aus Deutschland in Hannover am 11.11.1995 des Genozids von 1915 durch die Türken gedacht. Zur Gedenkveranstaltung wurden Persönlichkeiten aus der Politik, Vertreter der Kirchen und der Gesellschaft eingeladen. Die Feier des Gedenktages begann mit der syrischen Liturgie in der Kapelle des Kirchenzentrums St. Maximilian Kolbe. Hier hat der Zelebrant, Pater Hanna Ay-din, in seiner Predigt an die armenischen und aramäischen Christen erinnert, die wegen des Glaubens an Herrn Jesus Christus massakriert wurden und wegen ihres Glaubens in der islamischen Türkei auch weiterhin verfolgt werden und leiden müssen. 

Bei der Begrüßung äußerten die deutschen Mitchristen ihre Betroffenheit und überbrachten Proteste sowie Appelle an die türkische Regierung, die das Blut dieser Menschen willkürlich vergoß. Leo Busch, der Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft, sagte: Seit Jahren arbeiten wir deutsche Christen mit den armenischen und syrischen Christen daran, die Erinnerung an die Opfer lebendig zu halten. Zu der Gedenkveranstaltung nach Hannover wurde eingeladen, nicht nur weil „wir es nicht zulassen können, daß die Ermordeten nun auch noch den Tod des Vergessens sterben", sondern auch weil Deutschland damals unmittelbar und tief in diese Tragödie verwoben war. Dann wünschte er, daß die Regierung Ankaras dieses Verbrechen bekennt, ein Mahnmahl für die Umgebrachten in Ankara einrichtet und Toleranz gegenüber den Christen in ihrem Land zeigt, so daß z.B. das syrisch-orthodoxe Kloster Mar Gabriel im Jahre 1997 das 1600jährigen Bestehensjubiläum feiern könnte. Der katholische Dechant Funke sprach im Auftrag Homeyers, des Bischofs der Diözese Hildesheim, sein Beileid mit diesen beiden Völkern aus. Ebenso erinnerten die Pastorin Hessenauer für die evangelische Kirche und den Stadtsuperintendanten Hannovers und die SPD Politikerin Erpenbeck als Ausländerbeauftragte der Landesregierung Niedersach-sens an das Verbrechen. Sie forderten von der Türkei die Achtung gleicher Rechte und die Freiheit der religiösen Weltanschauung ihrer Minderheiten. Von den beiden betroffenen Völkern begrüßten der Archimandrit Gomida aus den armenisch-apostolischen Gemeinden Deutschlands und Jeshu Yakub, der Vorsit-zender der syrisch-aramäischen Vereine in Deutschland die Anwesenden. Zu-sammen mit dem Vorsitzenden des syrisch-aramäischen Fördervereins Hanno-vers, David Tan, der bei der Gestaltung dieses Gedenktages mitgewirkt hat, ba-ten sie die Bundesregierung und die beiden Kirchen Deutschlands um ihren Bei-stand für die bedrohten Völker, die hier Asyl suchen müssen. 

Der ehem. Redakteur des deutschen Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL, Wolfgang Gust, informierte über den Völkermord an den Armeniern und der armenische Schriftsteller Raffi Kantian beschrieb die heutige Situation der Armenier in der Türkei. Pater Hanna Aydin berichtete über die islamisch geprägten Täter und erörterte die Hintergründe des Holocausts. 

Wolfgang Gust, der auch im SPIEGEL zum ersten Mal diesen Völkermord behan-delt hatte, betonte in seinem Beitrag, diese Veranstaltung solle daran erinnern, daß der Völkermord an den Armeniern und Aramäern jahrzehntelang in Gefahr gewesen sei, vergessen zu werden, denn die systematische Leugnung des Geno-zids sei noch heute fast eine Staatsdoktrin in der Türkei. Er bedauerte die man-gelhafte Information der deutschen Presse. Der Völkermord werde in den Medi-en nie als solcher behandelt, und auch nur am Rande erwähnt. Von der Völker-gemeinschaft werde dieser Genozid im wesentlichen als Bagatellfall behandelt. Als erster türkischer Wissenschaftler habe Taner Akcam, der in der Türkei ein Buch über die Hintergründe des Genozids veröffentlichte, die türkische Schuld anerkannt. Die Vorbereitung dieses Verbrechens begann erst nach der Macht-übernahme der Jungtürkenpartei „Union für Einheit und Fortschritt" im Jahre 1909. Sie befaßte sich mit der diskutierten Entfernung nichttürkischer Minder-heiten aus dem Osmanischen Reich vor dem Eintritt des Osmanischen Reiches in den Ersten Weltkrieg und mit der „Liquidierung der Armenier und mit ihnen der anderen christlichen Minderheiten". Zur Durchführung der Vernichtungsaktionen gründeten - so Gust - die „zwei besonders engagierten Armenierfeinde" Innen-minister Talat Pascha und Kriegsminister Enver Pascha Spezialorganisationen, die auch aus Kurden bestanden. Zuerst wurden die armenischen, aber auch ande-re christliche Rekruten kompanieweise erschossen, und dann begann die Depor-tation, indem die Männer von den Frauen getrennt und umgebracht wurden. Die Vernichtungsaktion unterschied sich von Region zu Region. Die Armenier und die Aramäer wurden in Gruppen von bis zu hunderttausend Menschen in Scheu-nen verbrannt, in entlegene Täler geführt und erschlagen, mit Booten aufs Meer verschleppt und ertränkt oder in die mesopotamische Wüste vertrieben, wo sie verhungerten. Der Journalist und Autor Gust brachte weiter zum Ausdruck, daß auch einige türkische Generäle gegen den Völkermord Widerstand leisteten. Aufgrund ihres Rechtsbewußtseins gingen sie gegen die Täter vor, teilweise ohne informiert zu sein über die von der Regierung befohlene und geheimgehaltene Aktion. Die Widerstand leistenden Generäle wurden später allerdings von den Hauptkommandanten umgebracht. Er erläuterte auch die Rolle des türkischen Bündnispartners Deutschland: Vieles spricht dafür, daß die Idee der Deportatio-nen eine deutsche Erfindung war. Man hat bis heute nicht erforscht, ob diese Idee von deutschen Militärs ihren türkischen Partnern eingeredet worden oder nur auf offene Ohren gestoßen ist. „Sicher aber ist, daß führende deutsche Offi-ziere nach dem Krieg die Deportationen ausdrücklich rechtfertigten, und zwar auch in ihrer radikalsten Form", der Vernichtung der Christen.

Anschließend kritisierte auch Raffi Kantian die Leugnung des Völkermords durch die Türkei: Bis heute streitet die türkische Regierung die Tatsache des Völkermordes an den armenisch-aramäischen Christen kategorisch ab, stellt ihn sogar als eine Erfindung der Armenier hin und macht so die Opfer zu Tätern. Kantian beklagte die Haltung der Türkei gegenüber den nichttürkischen christli-chen Minderheiten, insbesondere der armenischen Bevölkerung. Ein Gedenktag oder ein Mahnmal für die Opfer des Genozids, aber auch ein Trauerzug in der Türkei, ist kaum vorstellbar. Außer der physischen Verfolgung der Armenier sind ihre Institutionen Opfer bürokratischer und gesetzlicher Hemmnisse. So können z.B. durch die in den 20er Jahren verhängten Gesetze keine überlebenden Armenier in ihre Dörfer zurückkehren, und sie können auch keinen Anspruch auf Güter oder Eigentume erheben, die länger als sieben Jahre verlassenen sind. Ihre Kirchen, Burgen oder architektonischen Denkmäler wurden zerstört oder als by-zantinische bzw. seltschukisch-türkische Monumente betrachtet. Der Gewinn der Armenier wird außerordentlich hoch versteuert; während ein muslimischer Bür-ger offiziell 12 % (eigentlich nur 5 %) Steuern zahlen muß, müssen die Griechen 156 %, die Juden 179 % und die Armenier 232 % zahlen. Die Kircheneigentümer werden von den Fiskusbehörden sehr scharf überwacht und besteuert. Unbebaute Grundstücke dürfen nicht bebaut werden. Neue Immobilien darf die Kirche seit 1965 nicht kaufen. Die Renovierungskosten an Kirchengebäuden dürfen heute umgerechnet 10 DM nicht überschreiten. Ebenso wie bei anderen christlichen Minderheiten sind auch die armenischen Priesterseminare seit 1969 geschlossen und ihre kirchlichen Organisationstrukturen seit 1960 aufgelöst. Wenn die Ar-menier auf Grund der Verpflichtung der Türkei im Laussaner Vertrag 1923 ihre Schulen betreiben, dürfen sie nur die Fächer Armenisch und Religion in Arme-nisch unterrichten, andere Fächer müssen „selbstverständlich" in Türkisch unter-richtet werden. Armenische Geschichte zu unterrichten, ist ein Dorn im Auge der türkischen Regierung, der stellvertretende Schulleiter muß sowieso ein Türke sein. Kantian berichtete ebenfalls über türkische Propaganda, mit der verbreitet wird, daß Armenier Kollaborateure der PKK seien und sich die PKK zu 50 % aus Armenier zusammensetzt. 

Am Schluß der Gedenkfeier wurde eine Resolution einstimmig verabschiedet, in der sowohl an türkische als auch an deutsche Regierungseinrichtungen und auch an den Zentralrat der Juden in Deutschland appelliert wird. Mit diesem Gedenk-tag kämpfen armenische, aramäische und deutsche Christen friedlich und mit demokratischen Mittel für die Anerkennung und Verurteilung des türkischen Völkermords und fordern darüber hinaus die Regierung der Türkei auf, die inter-national anerkannten Menschenrechte den ethnischen und religiösen Minderhei-ten zu gewähren. 

Gabriel Rabo

Resolution

Wir, die Arbeitsgemeinschaft St. Basilius der Große - Vertreter der in Deutschland lebenden Armenier, der Syrisch-Orthodoxen Christen (Aramäer), evangelische und katholische Christen in Niedersachsen 

  • rufen aus diesem Anlaß alle deutschen Mitbürger und insbesondere den Zentral-rat der Juden auf, sich aktiv gegen das Schweigen, die Verleugnung und für die Anerkennung und Verurteilung des unbestraften türkischen Genozids an den Christen einzusetzen,
  • appellieren an die Bundesregierung und das deutschen Auswärtige Amt, nicht mehr zu schweigen und im Sinne der historischen Verantwortung Deutschlands, sich für die folgenden Forderungen einzusetzen:
    • Die Anerkennung der Faktizität des Genozids an den Christen und die Verurtei-lung dessen,
    • die Aufhebung der von der Türkei verhängten Wirtschaftsblockade gegen die Republik Armenien,
    • die Gewährung kultureller, religiöser und ziviler Freiheit und Gleichberechtigung für die in der Türkei lebenden Christen,
    • Aufnahme der um Asyl suchenden Christen, falls sich die Verhältnisse für die christliche Minderheiten in der Türkei nicht ändert.
  • fordern von der türkischer Regierung:
    • Den Genozid an den Christen anzuerkennen und das Prinzip der Wiedergutma-chung anzunehmen,
    • ihre Blockade gegen die Republik Armenien aufzuheben,
    • kulturelle, religiöse und zivile Freiheit und Gleichberechtigung für alle in der Türkei lebenden christlichen Mitbürger zu gewähren und
    • die altarmenischen aber auch aus anderen Kulturen erwachsenen (z.B. Syrisch-orthodoxen) historischen Bauwerke und Denkmäler in den besetzten Gebieten zu bewahren und zu pflegen.

Links to: The Treatment of the Armenians in the Ottoman Empire



Autor Gabriel Rabo
1.11.1998
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