Suryoyo Online


Der Kirchenbau und die innere Ausstattung
in der Syrisch-Orthodoxen Kirche
* 

Gabriel Rabo

 

 

(Ausführlich dazu)

 

I.

Über den Bau und die innere Ausstattung der syrischen Kirchen berichten ab dem 3. Jh. als älteste Quellen die Didascalia Apostolorum, die Klementinische und Jakobos’ Liturgie.1 Die älteste bisher bekannte syrische Kirche wurde in Edessa in der um 550 entstandenen Edessanischen Chronik bezeugt. Diese "große Kirche (haiklo) der Christen" dürfte im Jahre 201 AD durch die Fluten des Flusses Daison beschädigt worden sein.2 Weitere früher erbaute Kirchen werden nach der syrischen Literatur in Mesopotamien erwähnt: eine in Ktesiphon gegründet durch Mari, einen Schüler von Addai, und zwei in ‘Arbela aus der ersten Hälfte des 2. Jhs. und aus der Zeit zwischen 165-1813. Die ‘große Kirche’ (Mor Ja‘qub?) in Nisibis dürfte wohl am Anfang des 4. Jhs. durch den Bischof Ja‘qub von Nisibis († 338) erbaut worden sein.4 Archäologisch bewiesen sind ein christlicher Kultbau aus der zweiten Hälfte des 3. Jhs. in Dura-Europos am Euphrat und die älteste bis jetzt sicher datierte Kirche in Antiochien aus dem Jahre 372.5

II.

Eine syrische Kirche ist meistens langgestreckt, nach Osten gerichtet und wird vom Bischof mit Myron konsekriert. Der Kirchenraum ist in drei wesentliche Teile gegliedert:

1. Der Altarraum (bet-qudshe oder qdush-qudshin, sanctum sanctorum) hat drei Fenster, die Dreifaltigkeit symbolisieren, und trennt sich mit bis zu drei Treppen und einem Vorhang (setro) vom Chor- bzw. Gemeinderaum ab. In der Mitte befindet sich der Altar (foturo oder fotur haye, Tisch des Lebens, madbho, Schlacht[ort], und trunus qronoV , Thron) aus wertvollem Holz oder Stein auf vier Säulen. Darauf steht eine Kuppel mit Sternchen als Sinnbild des Himmels und dem Bild einer Taube als Symbol für den Hl. Geist. Die heutige Form der Altarfront wird mit einem Trauben- und Weinstockbaum dekoriert, dort hängen die zwei liturgischen Fächer (marouhoto), das Ganze wird mit einem kleinen Vorhang (setro) zu bestimmten Zeiten verhüllt. Auf dem Altartisch liegt die Altartafel (tablito), auf die der Kelch und die Patenne bei der Feier der Eucharistie gelegt wird. Vor dem Altar gibt es eine Altarstufe, die nur vom Zelebranten betreten werden darf. Im Altarraum rechts befindet sich der Thron des Bischofs, in der Mitte des königlichen Tors (taro‘o malkoyo) das sakrale Buch, das Evangelium, das auf dem Evangeliarpult (gogulto) liegt. Rechts und links befinden sich die Geheimältäre (gnize).

2. Der zweite Teil des Kircheninnenraums ist der Chorraum (qestrumo, katastrwma), der sich wiederum durch eine Stufe vom Kirchenschiff abtrennt. Rechts und links stehen die Chorpulte (gude), auf denen die Diakone gemeinsam die Stundengebete singen, und im Osten - vor dem königlichen Tor - das Absolutionspult (gudo d-husoyo), wo auch das Weihrauchfaß (firmo, pureion) hängt. Die Einführung der Chöre im syrischen Westen geht nach der syrischen Tradition auf Ignatius von Antiochien ( † 117) zurück, im syrischen Osten mit zwei Chören auf Šem‘un Bar Sabo‘e († 343).6 Vor dem königlichen Tor hängt ebenfalls die sogenannte qandilo (kandhla) mit weiteren kleineren Öllampen, die - seit dem 4. Jh. in Anlehnung an Ex 27, 20-22 - ausschließlich Olivenöl als Opfergabe der Gläubigen verbrennen soll.7 Auf der südlichen Seite des Chorraums liegt das mit einem Vorhang verhüllte Baptisterium (bet ma‘mudito).

3. Der dritte Hauptteil ist das Kirchenschiff (haiklo), das in Ost- und Westteil durch eine Holzbarriere - bekannt seit der Apostolischen Konstitution und Johannes Chrysostomus († 407) - für Männer und Frauen geteilt ist.8 Das Kirchenschiff hat drei Eingänge im Süden, Norden und Westen als Symbol für die Dreifaltigkeit. In der Mitte des Kirchenschiffes stand urprünglich das Bema (bima, bhma) für den Prediger, das heute in den syrischen Kirchen nicht mehr vorhanden ist. Eine Narthex oder ein Atrium mit einem Brunnen gibt es ebenfalls für gottesdienstliche Zwecke. Eine Kirchenglocke war auch von Anfang an von großer Bedeutung.9

Der Kirchenbau und die innere Ausstattung der syrischen Kirchen haben ohne Zweifel ältesten christlichen Ursprung, deren Vorbild auf die alttestamentlichen und altkirchlichen Traditionen zurückzuführen ist. Bei eventuellen archäologischen Vorhaben im sehr früh christianisierten Raum Edessa und Tur‘Abdin dürften neue interessante Erkenntnisse über die Kirchenbauten gewonnen werden.


Anmerkungen

* Dies ist eine Zusammenfassung des Vortrags, der auf dem 27. Deutschen Orientalistentag am 2.10.1998 in Bonn gehalten wurde. Sie wurde veröffentlicht in: Kolo Suryoyo, Nr. 125, (1999), 186-187; Gouden Horn, Bd. 7, Nr. 1, Sommer 1999, 4-6; Akten des 27. Deutschen Orientalistentages (Bonn-28. September bis 2. Oktober 1998), hg. von Stefan Wild und Hartmut Schild, Würzburg 2001, 81-83..

1Funk, F. X., Didascalia et Constitutiones apostolorum, Paderborn 1905, Torino 21979, 1, 159 ff; Die Klementinische Liturgie, Hg. von Hans Lietzmann, Bonn 1910; The Greek Anaphora of St. James, in: Brightman, F. E., Liturgies Eastern and Western, 1, Oxford 1896, 31-68.

2 Vgl. Chronica Minora, ed. Guidi, I., in: CSCO 1, Louvain 1907, 1 f; Edessanische Chronik, in: Assemani, J. S., B.O. 1, Roma 1719, 387 ff.  

3 Vgl. Barhebräus, Chronicon ecclesiasticum, Bd. 3, ed. Abbeloos/Lamy, Paris/Louvain, 1877, 17 f; Saka, I., suryoyuto: haimonuto wa-mdinoyuto, The History of the Syrian Orthodox Church, Bd. 5, Damascus 1986, 16. 

4 Vgl. Barhebräus, Chronicon ecclesiasticum, Bd. 3, 31.

5 Vgl. Brandenburg, H., Kirchenbau I, in: TRE 18, Berlin 1989, 422; Schneider, A. M., Liturgie und Kirchenbau in Syrien, Göttingen 1949, 56.

6 Vgl. Saka, I., suryoyuto: haimonuto wa-mdinoyuto, 22, Barhebräus, Chronicon ecclesiasticum, Bd. 3, 33.

7Vgl. Braun, J., Das christliche Altargerät in seinem Sein und seiner Entwicklung, München 1932, 601.

8 Vgl. Saka, I., fušoq qurobo, Bagdad 1977, 21; Schneider, Liturgie und Kirchenbau in Syrien, 49.

9 Mehr über die innere Ausstattung einer syrischen Kirche und ihre Symbolik: Jean de Dara, Le de Oblatione, ed. Sader, J., in: CSCO 308, Syr 132, Louvain, 1970; Muše Bar Kipho, fušoq (a)roz qurbono, Hg. von Iwannis Ephrem Bilgic, Mardin 1957; Dionysius Bar Salibi, Expositio Liturgiae, ed. Labourt, H., in: CSCO 13, Louvain 1955

 


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First updated: 24.6.1999  
Updated: 
15.10.2008
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